Die mathematischen Tücken ewigen Wachstums

Dass unendliches Wachstum in einer endlichen Welt möglich sei, ist eine implizite Grundannahme der Marktgesellschaft. Dass die Erde nicht unendlich viele nicht nachwachsende Ressourcen wie Metalle, Mineralien, fossile Energieträger usw. enthält, dürften selbst die glühendsten Marktwirtschaftsgläubigen kaum verleugnen. Dennoch drang dieser Tage durch den Äther, dass der Energieverbrauch des Weltmarktes im Jahr 2017 noch nie so hoch war. Da gleichzeitig davon gesprochen wird, dass die Weltwirtschaft sich wieder erholt habe, läge es wohl nicht fern einen Zusammenhang zu vermuten zwischen gesteigertem Energieverbrauch und wirtschaftlicher Erholung. Die Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Energieverbrauch – so darf angenommen werden – hat bislang nicht stattgefunden. Unter dieser Voraussetzung lohnt ein Blick in die Mathematik der Exponentialfunktionen. „Die mathematischen Tücken ewigen Wachstums“ weiterlesen

Gegen die Arbeitsmoral

Das quasi-religiöse Verhältnis zur Lohnarbeit in den älteren Industriegesellschaften ist ein großes Problem. Die Erinnerung daran, dass die Arbeit vor gar nicht allzu langer Zeit kein so großes Ansehen bei den Herrschenden in Europa hatte, hält ein Text von Eisenberg aufrecht. Besonders erhellend ist, dass die Arbeiterbewegung teilweise noch tugendhafter sein wollte als das Bürgertum. Sie wollte gewissermaßen den „Klassenkampf“ der Bourgeoisie, sofern davon überhaupt gesprochen werden kann, gegen den Adel kopieren, das Bürgertum mithin in Tugendhaftigkeit überholen. Daher rührt womöglich die Unfähigkeit der (linken) Sozialdemokratie, einen anderen Blick auf die Arbeitsgesellschaft zu werfen.

Anstatt möglichst wenig fremdbestimmte Tätigkeiten als politisches Ziel zu formulieren, vermag die Sozialdemokratie nicht über den Tellerrand der 30 glorreichen Jahre von ~1950 bis ~1980 hinauszudenken. Dass eine Rückkehr in diese Zeit nicht vollumfänglich möglich ist, u.a. weil das Gegengewicht des Ostblocks mittlerweile fehlt, kommt den Genossen dieses Schlages nicht in den Sinn. Nicht zuletzt zwang besagtes Gegengewicht die meist konservativen Regierungen der Nachkriegszeit umfangreiche soziale Sicherungssysteme einzuführen, um zu beweisen, dass Kapitalismus und soziale Sicherheit sich nicht ausschließen müssen. Letztere garantierte man im Ostblock trotz all der Fehler des Staatssozialismus. Dieser Einsicht verschließen sich Linkssozialdemokraten anscheinend sehr erfolgreich, weil ihre ganze Argumentationskette daran hängt, dass die sozialdemokratischen Parteien ab den 1990er Jahren nur vom rechten Wege abgekommen seien. Wären die richtigen am Ruder geblieben, dann lebten wir längst wieder im Vollbeschäftigungsparadies. „Gegen die Arbeitsmoral“ weiterlesen

Ein paar Anmerkungen zur VWL aus eigener Erfahrung

Aus Anlass eines kleinen Disputs, der sich auf dem eher geschlechterpolitischen Blog man-tau ergab, möchte ich hier einige Anmerkungen zur akademischen Volkswirtschaftslehre machen, die dort den Rahmen nach meinem Empfinden sprengen würden. Sie entstammen meiner eigenen Erfahrung, dürften aber doch einigermaßen für die BRD-weite staatliche Universitätslandschaft verallgemeinerbar sein. Zunächst will ich knapp darstellen, was man nach einem Studium der VWL kann, dann die zentrale Theorie vorstellen und ihren Sinn aus neoliberaler Sicht erläutern. Abschließend will ich ein paar Spekulationen über die gesellschaftlichen Effekte einer ökonomischen Ausbildung in den Raum stellen. „Ein paar Anmerkungen zur VWL aus eigener Erfahrung“ weiterlesen

Flassbeck empfiehlt: Eine prokapitalistische Partei links von der SPD

Einer der letzten Mohikaner des Keynesianismus in Deutschland, Flassbeck, sucht die Gegner seiner Phantasie von der Rückkehr zum rheinischen Kapitalismus und konzertierten Aktionen wieder einmal in den Reihen der breiteren Linken. Die – zugegeben – verqueren Versuche von Konicz seine Melange aus Weltsystemtheorie und Wertkritik mit den meistens identitätspolitisch gefärbten Themen der Bewegungslinken zusammenzubinden, um so eine systemüberwindende Perspektive zu eröffnen, überschätzt er meines Erachtens in ihrer Breitenwirkung. Manchmal verstieg sich Konicz sogar dazu, Meldungen aus der Naturwissenschaft dialektisch im Sinn der Wertkritik zu interpretieren (der Artikel findet sich bei telepolis, bin gerade zu faul ihn herauszusuchen). Nur sollte ein Journalist, der bisweilen etwas krause „Theorietransfers“ betreibt, kein Grund sein, alles, was irgendwie mit Marx zu tun hat, für volksverschreckendes Teufelswerk zu halten. Marx beschäftigte sich vornehmlich mit der Analyse des Kapitalismus seiner Zeit, machte dabei auch Fehler, hat aber auch manches schon erkannt, was Keynesianer ihrem Meister zuschreiben. „Flassbeck empfiehlt: Eine prokapitalistische Partei links von der SPD“ weiterlesen

Die „reaktionäre“ Seite der linken Sozialdemokratie

Während die rechte Sozialdemokratie längst im neoliberalen Hauptstrom aufgegangen ist, existieren noch immer Kritiker desselben, die aus deutscher Perspektive implizit zurück in die große Zeit der SPD unter Willy Brandt wollen. Wirtschaftspolitisch an Keynes Konzepten angelehnt, die damals zwar auf nationaler Ebene schon scheiterten, gehören sie zu den beharrlichsten Leugnern der Hypothese, dass technischer Fortschritt und Arbeitslosigkeit etwas miteinander zu tun haben könnten. Müssen im gängigen Jargon als konservativ geltende Politiker im Grunde nur versprechen, dass alles so bleibt wie es ist, fühlen sich linke Sozialdemokraten unfreiwillig dazu berufen, in eine gebenedeite Zeit vor dem Neoliberalismus zurück zu wollen. Wer auf politischer Ebene in einen früheren Zustand zurück will, wird gemeinhin als „reaktionär“ bezeichnet. Zwar kann man zustimmen, dass die neoliberalen Konterreformen wieder zurückzunehmen seien, doch bedarf es dringend progressiver Ergänzungen auf linkssozialdemokratischer Seite. „Die „reaktionäre“ Seite der linken Sozialdemokratie“ weiterlesen

Neoliberalismus oder Auf dem Rückweg in die gute alte viktorianische Zeit III:

Wie gesehen widersprechen sich die neoliberalen Ideen auf den verschiedenen Kommunikationsebenen oft genug, was nicht nur dem PR-Kalkül entspringt. Vielmehr rühren sie auch von Ungereimtheiten auf der Ebene der politischen Philosophie her. So wird bei Hayek nie richtig klar, ob der Markt ein normativer oder ein deskriptiver Begriff ist. Der Umgang des neoliberalen Denkkollektivs mit solchen konzeptionellen Schwierigkeiten ist augenscheinlich pragmatisch. In Chile etwa bot es sich nach dem Putsch gegen Allende 1973 an, dem Land den Markt u.a. mittels in Chicago ausgebildeter und darum neoliberal geprägter Ökonomen (bekannt geworden als die Chicago Boys) von oben zu verordnen, während etwa zur gleichen Zeit in den kapitalistischen Kernländern die Regierung bzw. der Staat im Verbund mit den Gewerkschaften als Feind der Wirtschaft und des Individualismus inszeniert wurde. Zur politischen Durchsetzung des totalen Marktes spielt begriffliche bzw. theoretische Klarheit offenbar nur eine untergerordnete Rolle, mag die Unschärfe der eigenen Theorie sich gar als eine Stärke erweisen, solange man die Macht hat, die Ziele durchzusetzen. „Neoliberalismus oder Auf dem Rückweg in die gute alte viktorianische Zeit III:“ weiterlesen

Macron oder Fünf weitere Jahre Neoliberalismus in Frankreich

Entgegen der Einschätzung des erwähnten österreichischen Journalisten geht Emmanuel Macron in das Rennen um die Präsidentschaft in Frankreich gegen Marin Le Pen. Die Bezeichnungen für diesen typischen Vertreter der republikanischen Elite, die einem im medialen deutschen Grundrauschen begegnen, sind sozialliberal, mitte-links oder linksliberal. Dabei handelt es sich, wie Jens Berger richtig anmerkt, eher um eine französische Ausgabe eines Christian Lindner, einen gläubigen Neoliberalen also. Für die mehrheitlich liberal-konservativ eingestellte deutsche Medienlandschaft ist es freilich der Wunschkandidat, will er doch allem Anschein nach dem Kurs der Bundesregierung folgen. „Macron oder Fünf weitere Jahre Neoliberalismus in Frankreich“ weiterlesen

Kapitalismus als Massenkonsumphänomen?

Da die Arbeitswerttheorie ihre Schwierigkeiten hat, wollte man sie überprüfen bzw. mit ihr quantitative Voraussagen über die Zukunft der kapitalistischen Ökonomie machen, ist es schon eigentümlich, dass viele von Marx inspirierte Gelehrte an ihr festhalten. Gleichwohl dürfte sich die Zahl derjenigen, die an die historische Notwendigkeit der proletarischen Weltrevolution glauben, seit den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts deutlich verringert haben. Keineswegs erwiesen sich die Arbeiter allesamt als emanzipatorische gesellschaftliche Kraft. Genausowenig lässt sich die abstrakte gesellschaftlich notwendige Arbeitszeiteinheit als Grundbaustein der kapitalistischen Wirtschaft ermitteln, womit darauf aufgebaute Zusammenbruchstheorien stark spekulativen Charakter annehmen. „Kapitalismus als Massenkonsumphänomen?“ weiterlesen

Die Konsequenzen der Marktwirtschaft

Die heiß geliebte Marktnatur des Menschen wird von Keynesianern und Neoklassikern bis hin zu Ordo- bzw. Neoliberalen verteidigt. Im Kern sind sie alle sich einig, dass der Markt das beste Mittel zur Versorgung aller Menschen mit Gütern und Dienstleistungen darstellt, gerade weil die Versorgung auf dem indirekten Wege der persönlichen Bereicherung stattfindet. Der Egoismus der Einzelnen hat so den charmanten Nebeneffekt der optimalen Versorgung aller, die berühmte unsichtbare Hand. „Die Konsequenzen der Marktwirtschaft“ weiterlesen

Alternativlose Globalisierung

Durch Zufall lieferte mir der Blick auf die Unterseiten von Spielzeugautos aus den späten 1970er und frühen 1980er Jahren einen Einblick in die Umsetzung des T.I.N.A.-Prinzips (There is no alternative.) am Beginn der neoliberalen Wende. Stand auf den älteren Modellen noch „Made in the UK” oder „Made in Western Germany”, las man auf den jüngeren Modellen sowohl britischer wie deutscher Hersteller „Made in Taiwan”. Alternativlos wurde die Produktion von Spielzeugautos nach Taiwan verlagert, damit sich die Leistung eine Spielzeugfirma zu besitzen, wieder lohnte. Vorher waren diese Leute bestimmt bettelarm….

Die Kräfte des Marktes sorgten für diese Veränderungen, gegen die man sich nach der seither herrschenden Ideologie nicht wehren kann, weil es genauso lächerlich wäre, wie sich gegen das Wetter aufzulehnen. Wenn davon die Rede ist, dass den Menschen in den Industrieländern mit der Globalisierung etwas versprochen worden sei, dann war die Alternativlosigkeit der Globalisierung ein mindestens ebenso wichtiges Argument. In der 38sten Folge von Alternativlos werden die Wahlsiege von rechten Parteien u.a. darauf zurückgeführt, dass die Mehrheit der Leute sich von den Versprechungen der Globalisierung enttäuscht sah. „Alternativlose Globalisierung“ weiterlesen