Der Tunnelblick mancher Naturwissenschaftler

Angeregt durch die Diskussion unter meinem letzten Beitrag, stieß ich auf einen Vortrag des Biologen Kutschera in drei Teilen¹, der in der Wissenschaftswelt sich einen guten Ruf in Fortpflanzungs- bzw. Evolutionsbiologie erworben zu haben scheint. Er wurde laut eigener Aussage von der veröffentlichten Meinung gebeten (Spiegel, Focus etc.), zum Genderthema in seiner Eigenschaft als Wissenschaftler Stellung zu beziehen. Die ihm zur Verfügung gestellte Literatur ließ ihn offenbar die Konsequenz ziehen, dass die Gendertheorien Biologen als Geisterseher ansähen. Für einen Mann der Wissenschaft ist das freilich ein Frontalangriff, gegen den er sich dann genötigt sah, ein Buch zu veröffentlichen. Die wesentlichen Punkte seiner „Verteidigung“ der Biologie führt er in dem Vortrag aus, und sie schienen mir durchaus einleuchtend. „Der Tunnelblick mancher Naturwissenschaftler“ weiterlesen

Rock’n’Roll und Revolte…

Aus einem Interview mit Lemmy Kilmister blieb mir haften, dass Lemmy betonte noch eine Zeit zu kennen, in der es keinen Rock’n’Roll gegeben hätte. Nunmehr sind Rock und Pop längst sogar Teil des schulischen Musikunterrichts geworden. Konservative Politkasper wie der Herr von und zu Guttenberg singen AC/DC-Songs im CSU-Bierzelt mit. Ob er sich dies zu Lebzeiten von Franz-Josef Strauss hätte erlauben können, vermag ich nicht zu beurteilen, könnte mir aber schon vorstellen, dass Rock’n’Roll damals noch nicht derartig „normal“ war wie in der Gegenwart. Man kann darin einerseits einen Fortschritt sehen, dass selbst die konservative Klientel ein stückweit toleranter, weltoffener und lockerer geworden ist. Andererseits muss man konstatieren, dass mehr eben auch nicht passiert ist als eine gewisse Anpassung der Tischsitten an eine Konsumgesellschaft, die ständig neue Trends braucht, um neue Bedürfnisse zu kreieren, damit der Rubel weiter rollen kann. Inzwischen erscheint es jedenfalls geradezu bizarr, dass Rock’n’Roll in manchen Industrieländern in den 1950er/60er Jahren regelrecht verboten wurde. „Rock’n’Roll und Revolte…“ weiterlesen

In einem so reichen Land wie Deutschland…

Diese Einleitung hört und liest man ab und zu, wenn es um Tafeln, in Armut aufwachsende Kinder, Obdachlosigket u.ä. geht. Dabei könnten diese Effekte glasklar auf die angeblich ideologiefreie Ideologie, auch als Neoliberalismus bekannt, der liberalen Parteien von CxU, FDP, Grünen und SPD zurückgeführt, wonach soziale Ungleichheit so groß wie nur irgend möglich werden müsse, um das Überleben des eigenen Standortes auf dem Weltmarkt zu sichern. „Unnatürlicher“ Luxus für Proleten jedenfalls war nie im Sinn der neoliberalen Ideologie, eher ein Zugeständnis an die Systemkonkurrenz aus dem Ostblock. Da diese nunmehr weggefallen ist, kann man sich des unnötigen proletarischen Ballasts nach und nach entledigen. Der real-existierende Neoliberalismus ist kein Ponyhof, würden manch CxU-nahe Menschen dazu sagen. „In einem so reichen Land wie Deutschland…“ weiterlesen

Das Wettbewerbsmantra

Ein Versatzstück der Propaganda von CxU und anderen kapitalistischen Parteien ist, dass Einrichtungen nur dann gut funktionieren, wenn sie zueinander im Wettbewerb stünden. Man muss nur einmal kurz das Radio anschalten und schon sagt irgendein Lokalpolitiker aus Bayern einen solchen neoliberalen Merksatz auf. Unausgesprochen steht dahinter das Modell der vollständigen Konkurrenz auf allen Märkten, das durch die unsichtbare Hand, d.h. durch die Verfolgung des Privatinteresses der vereinzelten Marktindividuen, die ökonomisch optimale Verteilung von Gütern und Dienstleistungen gewährleistet werde. Dieses Modell stößt schon an seine Grenze, wenn mit wachsender Betriebsgröße Kosten gespart werden können. Wenn bspw. mit dem Einsatz eines größeren Kessels Energiekosten in – sagen wir – der Nudelproduktion – gespart werden können, die Konkurrenz unterboten werden kann, dann sind die Grundannahmen des Modells schon verletzt. Mit solchen theoretischen Details muss sich ein gestandener Bierzeltpolititker aus der bayerischen Provinz freilich nicht beschäftigen. Dass Wettbewerb gut ist, steht dank der Erfahrung mit der DDR für einen solchen und seine Klientel sowieso fest. Doch selbst wenn man die Fragwürdigkeit der vollständigen Konkurrenz auf Märkten ausblendet, müssten Zweifel am Selbstzweck Wettbewerb aufkommen. „Das Wettbewerbsmantra“ weiterlesen

Ein paar Anmerkungen zur VWL aus eigener Erfahrung

Aus Anlass eines kleinen Disputs, der sich auf dem eher geschlechterpolitischen Blog man-tau ergab, möchte ich hier einige Anmerkungen zur akademischen Volkswirtschaftslehre machen, die dort den Rahmen nach meinem Empfinden sprengen würden. Sie entstammen meiner eigenen Erfahrung, dürften aber doch einigermaßen für die BRD-weite staatliche Universitätslandschaft verallgemeinerbar sein. Zunächst will ich knapp darstellen, was man nach einem Studium der VWL kann, dann die zentrale Theorie vorstellen und ihren Sinn aus neoliberaler Sicht erläutern. Abschließend will ich ein paar Spekulationen über die gesellschaftlichen Effekte einer ökonomischen Ausbildung in den Raum stellen. „Ein paar Anmerkungen zur VWL aus eigener Erfahrung“ weiterlesen

Von „Laberfächern“ und „volkswirtschaftlichem Nutzen“

Der Begriff im Titel wird gerne benutzt, um alle Formen von menschlicher Betätigung vor allem an Hochschulen abzuwerten, bei denen kaum potentiell privatwirtschaftlich verwertbare Produkte aus der wissenschaftlichen Arbeit entstehen, oder mit denen kein (vermeintlicher) Bedarf an universitär bzw. staatlich abgeprüftem Sachverstand gedeckt wird. Medizin, Jurisprudenz, BWL, VWL und Naturwissenschaften (inklusive Informatik und Mathematik), Ingenieurwesen bis hin zur Architektur gelten als „vernünftig“, den volkswirtschaftlichen Nutzen mehrend, während die übrigen Sozialwissenschaften und philosophische Fakultäten als überflüssig angesehen werden. Dieses – mit Verlaub – kleinkarierte Stereotyp hält keiner kritischen Überprüfung stand, ist aber hartnäckig nicht zuletzt, weil Denkfaulheit außerhalb der Gelderwerbssphäre gerade auch bei „Leistungsträgern“ recht weit verbreitet zu sein scheint. „Von „Laberfächern“ und „volkswirtschaftlichem Nutzen““ weiterlesen

Flassbeck empfiehlt: Eine prokapitalistische Partei links von der SPD

Einer der letzten Mohikaner des Keynesianismus in Deutschland, Flassbeck, sucht die Gegner seiner Phantasie von der Rückkehr zum rheinischen Kapitalismus und konzertierten Aktionen wieder einmal in den Reihen der breiteren Linken. Die – zugegeben – verqueren Versuche von Konicz seine Melange aus Weltsystemtheorie und Wertkritik mit den meistens identitätspolitisch gefärbten Themen der Bewegungslinken zusammenzubinden, um so eine systemüberwindende Perspektive zu eröffnen, überschätzt er meines Erachtens in ihrer Breitenwirkung. Manchmal verstieg sich Konicz sogar dazu, Meldungen aus der Naturwissenschaft dialektisch im Sinn der Wertkritik zu interpretieren (der Artikel findet sich bei telepolis, bin gerade zu faul ihn herauszusuchen). Nur sollte ein Journalist, der bisweilen etwas krause „Theorietransfers“ betreibt, kein Grund sein, alles, was irgendwie mit Marx zu tun hat, für volksverschreckendes Teufelswerk zu halten. Marx beschäftigte sich vornehmlich mit der Analyse des Kapitalismus seiner Zeit, machte dabei auch Fehler, hat aber auch manches schon erkannt, was Keynesianer ihrem Meister zuschreiben. „Flassbeck empfiehlt: Eine prokapitalistische Partei links von der SPD“ weiterlesen

Unerwünschte Einstellungen und kapitalistische Herrschaft

Beliebt in bewegungslinken Zusammenhängen ist die diffuse Vorstellung, dass alle von ihnen geführten „Kämpfe“ zusammen, eine bessere Welt hervorbringen würden. Nach mindestens vier Jahrzehnten dieser Art von Praxis sollte vielleicht aufgefallen sein, dass sich nichts dergleichen bislang ereignete, auch wenn zuweilen sehr viele Menschen auf der Straße waren. Die Mächtigen haben ihr Ding etwa im Fall des Irakkrieges von 2003 trotzdem durchgezogen. „Unerwünschte Einstellungen und kapitalistische Herrschaft“ weiterlesen

Hippies, die Kapitalismus super finden…

In letzter Zeit traf ich oft auf mitteldeutsche Leute, die man grob den Hippies zurechnen würde, was Musik- und Klamottengeschmack sowie Lebensstil betrifft. Viele erlebten die Wende 1989/90 tatsächlich als Befreiung, konnten endlich die großen Rockbands der Ära des Kalten Krieges auf der Bühne sehen, sich frei auf dem Erdball bewegen nur begrenzt durch das eigene Budget. Lieber einen Kapitalismus, der zwar langsam die Samthandschuhe auszieht, als ein Lethargie und Korruption fördernder real existierender Sozialismus, der zu verknöchert war, so etwas wie Gegenkultur zu tolerieren, war in etwa der Tenor, den ich heraushören konnte.

Obwohl ich der Überzeugung bin, dass die kapitalistische Herrschaftsform abzulehnen ist, ist die beschriebene Sicht der Dinge für mich nachvollziehbar. Ihr Fehler ist – wie so oft -, dass eine falsche Dichotomie von Kapitalismus und dem Parteisozialismus des Ostblocks angenommen wird. Da sich Deutschlands Wirtschaft durch die Exportorientierung seit der Krise 2007/8 im Vergleich zum Rest der Welt noch ganz passabel aus der Affäre ziehen konnte, funktioniert die Apologie des Kapitalismus in Deutschland wohl immer noch besonders gut. „Hippies, die Kapitalismus super finden…“ weiterlesen

Bricht die „Substanz des Kapitals“ weg?

Zwar hat Tomasz Konicz immer mal wieder interessante Daten und Perspektiven im Köcher, die seine Artikel lesenswert machen, doch verharrt er bei der Wertkritik und somit implizit bei der Arbeitswertlehre, wenn er in seinen jüngsten Artikeln etwa schreibt:

Obwohl Lohnarbeit die Substanz des Kapitals bildet, strebt das Kapital in der marktvermittelten Konkurrenz zugleich danach, die Lohnarbeit möglichst weitgehend durch Rationalisierung aus dem Produktionsprozess zu verbannen.

Es ist wohl kaum bestreitbar, dass es Produktivitätssteigerungen gibt, wenn man nicht den Nachfragetheoretikerinnen anhängt, die diese Beobachtung für Arbeitgeberpropaganda halten. Jedoch sollte nicht vergessen werden, dass Unternehmen in erster Linie Gewinn erzielen wollen und sie bei geringen Lohnkosten nicht zwingend die neueste arbeitssparende Technik einsetzen. Darum korrespondiert der Entwicklungsstand der Technik nicht zwangsläufig mit deren Einsatz. Der Geschäftssinn könnte sozusagen die Effizienzsteigerung der Produktion untergraben, solange die internationale Konkurrenz mit massiven Preissenkungen keinen Strich durch die Rechnung macht. „Bricht die „Substanz des Kapitals“ weg?“ weiterlesen