Die alltägliche Diktaturerfahrung

Die Qualitätsjournaille konstatiert allenthalben einen Verfall der Demokratie. Als Beleg wird z.B. die Wahl Bolsonaros in Brasilien angeführt, aber auch die Erfolge der AfD hierzulande. Sie vergisst, dass für die meisten Menschen demokratische Verfahren in ihrem Alltag die Ausnahme sind, womit gemeint ist, dass niemand von oben diktiert, was jemand zu tun hätte. Die sogenannte gelebte Demokratie findet daher vor allem in den Köpfen der Medienschaffenden statt, wenn sie über Parteitage, Wahlausgänge, Klausurtagungen, Staatsbesuche oder ähnliches berichten. Sie mögen mitunter auch Demonstrationen dazu zählen, über deren Anliegen sie aber meistens nur oberflächlich informieren, wobei nie vergessen wird zu erwähnen, ob es denn friedlich geblieben ist. Anstatt davon auszugehen, dass eine Demonstration zunächst einmal nichts mit Gewalt oder Sachbeschädigung zu tun hat, wird durch diese unhinterfragte Praxis der Journaille Demonstrationsteilnehmerinnen unterschwellig unterstellt, sie seien Krawallmacherinnen. Leistet diese Art der Berichterstattung wirklich einen Beitrag zur „gelebten Demokratie“? „Die alltägliche Diktaturerfahrung“ weiterlesen

Für einen entspannteren Umgang mit unterschiedlichen linken Theorieansätzen

Wer meint, dass der Kapitalismus nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen sein kann, kann zu diesem Ergebnis mit oder ohne die Arbeitswerttheorie kommen. Jüngst lauschte ich einem marxistisch orientierten Ökonomen irgendwo in den Weiten des Netzes, dem letztlich das Etikett marxistisch ziemlich egal zu sein schien, solange wichtige Aussagen über die uns durchherrschende Wirtschaftsform gewonnen werden können. Ganz allgemein, dürfte es leichter fallen, etwas zu überwinden, wenn man sich dazu aufrafft, es zu verstehen. Mit dem Internet gibt es die Möglichkeit relevante Informationen zu geringen Kosten auszutauschen und die marginalisierten progressiven Menschen an der „theoretischen Front“, sollten sich das Leben nicht unnötig schwer machen. Mir kommt es eher so vor als pflegten manche Ökonomen einen marxistischen Jargon, um das, was sie aus Statistiken herausgefiltert haben, für ihre marxistischen Kollegen in der Universitätslandschaft lesbar zu machen. Die Rückübersetzung könnte aber auch nicht schaden. „Für einen entspannteren Umgang mit unterschiedlichen linken Theorieansätzen“ weiterlesen

Zur Evidenz marxistischer Grundannahmen

Marxistisch bzw. marxianisch (*) gefärbte Beiträge treffen oft Voraussetzungen, die allem Anschein nach für vollkommen evident gehalten werden. So heißt es in Susan Bonaths Artikel einleitend, dass die Baumwollpflückerin und die Näherin, die einzigen seien, die einem – sagen wir – Baumwollhemd neuen Mehrwert zufügten. Handel, Transport, Finanzwesen usw. trügen nicht zum „Realprofit“ bzw. „neuen Mehrwehrt“ bei. Nur im Produktionsprozess kann dieser Doktrin zufolge neuer Mehrwert entstehen. In zahlreichen Variationen lässt sich dieses Credo der marxianischen Arbeitswertlehreadeptinnen seit eineinhalb Jahrhunderten lesen. Dass seither aber – soweit ich das bisher überblicken konnte – ziemlich unklar geblieben ist, wie jener „Realprofit“ zu messen wäre, lässt sich nur schwer abstreiten. Die Marx-Interpretationen gehen darüber nämlich sehr weit auseinander. Dennoch ist die freundlichere Entgegnung auf solchen Marx-Frevel oft der des verkürzten Marxverständnisses, wird man nicht gleich der kapitalistischen Spitzelei bezichtigt. Da ich tatsächlich mehr an Verständigung als an Polemiken interessiert bin, versuche ich hiermit mein Marxverständis zu „verlängern“. „Zur Evidenz marxistischer Grundannahmen“ weiterlesen

Pseudonobel

Die Verleihung des „Nobelpreises“ für Wirtschaftswissenschaften geisterte gerade durch die Medien. Immerhin machte der Deutschlandfunk darauf aufmerksam, dass es ein Preis der schwedischen Reichsbank ist, der Ende der 1960er Jahre ins Leben gerufen wurde. Nicht jedes Medienerzeugnis liefert diese Zusatzinformation, wie ein Blick in die Lokalpresse mir heute morgen verriet. Wieder einmal wurden zwei Vertreter einer Wissenschaft, deren Wissenschaftsstatus als äußerst zweifelhaft zu gelten hätte, aller Wahrscheinlickeit nach für ihren Griff in den mathematischen Modellbaukasten der Neoklassik geehrt. Dem Schreiberling der Lokalpresse gelten diese Modellrechnungen allen Ernstes als wissenschaftliche Erkenntnis. Nordhaus hat wohl zeigen können, dass der Klimawandel sich ohne dramatische wirtschaftliche Einbussen bewältigen lassen könnte, wenn nicht Lobbygruppen dem entgegenstünden. Der zweite Vertreter – Romer – basteltete eine raffiniertere Wachstumstheorie, die Wachstum nicht bloß als eine von außen vorgegebene Größe betrachtet, sondern modellendogen aus den Investitionsentscheidungen der Firmen zu erklären sucht. Romer ist ein Beispiel für einen aus einer anderen Wissenschaft – der Mathematik – gewechselten Ökonomen, der seine vergleichsweise bessere mathematische Ausbildung in einen gut dotierten Ökonomieprofessorenposten ummünzen konnte. „Pseudonobel“ weiterlesen

Gesucht: die internationale Arbeiterbewegung

Das Gegenmittel gegen Fremdenfeindlichkeit für die unentwegten Sozialist*innen ist die internationale Arbeiter*innenbewegung. Die Expertinnen für Klassenkampf der Nouveau Parti anticapitaliste sind sich dessen sicher und wollen deswegen sofort die Grenzen öffnen. Sie führen die Situation Frankreichs in den 1960ern an, um zu verdeutlichen, dass nicht zwingend ein Lohndruck nach unten durch Zuwanderung ausgelöst werden muss, was aber umgekehrt nicht bedeutet, dass die Löhne zwingend steigen wegen der Einwanderung. Könnte es sein, dass sich die Machtverhältnisse seither sowohl in Deutschland als auch in Frankreich doch ein wenig zugunsten der Kapitalseite verschoben haben? Könnte es sein, dass es heute Massenarbeitslosigkeit sowohl in Deutschland als auch in Frankreich gibt?

Außerdem scheint mir, dass weder in Deutschland noch in Frankreich von massenweise klassenkämpferisch auftretenden Arbeiter*innen auf den Straßen berichtet wird. Auch ist mir von sozialrevolutionären Unruhen in den Herkunftsregionen der Flüchtlinge nicht viel bekannt, wenn man von der kurdischen linken Bewegung einmal absieht. Mir scheint daher, dass der npa das „revolutionäre Subjekt“ fehlt. Gäbe es eine internationale Arbeiter*innenbewegung, dann könnte sie diese oder jene Reformen durchsetzen, dann könnte sie die Macht der Kapitalisten brechen usw.. So liest sich dieser Beitrag der npa. Chasing rainbows nennt man sowas im Englischen wohl.

Wenn diese Voraussetzung aber nicht gegeben ist, dann sind alle, die ein wenig Realitätssinn anmahnen, fremdenfeindlich, wenn nicht gar faschistisch. Mit dieser „Haltung“ schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: man ist gegen Kritik immun, kann den Kritiker noch einen Unmenschen nennen und sich selbst moralisch überlegen fühlen – großartig. Auf diese Weise wird man aber auf absehbare Zeit in seiner linken – in dem Falle – Parteiblase leben, mitunter Zuspruch von Gleichgesinnten einsammeln und alles entgegenstehende für kapitalistische Propaganda halten.

Kürzlich kam mir ein Text aus der kurdischen linken Bewegung über die Linke in Deutschland unter die Augen, in dem zugegeben wurde, dass sich die Situation der Kurden nicht deckungsgleich auf die Situation in Europa übertragen lasse, man sich aber nicht hinter den linken Klassikern verschanzen sollte, die der Situtation nämlich auch nicht mehr gerecht werden. Die Texte von wsws.org und der npa sind allem Anschein nach Beispiele für das, worauf die kurdische Kritik anspielte.

Gegen den Kapitalismus via Klassenkampf und Alternativen dazu

Bisweilen versetzt es mich in Erstaunen, wenn von manchen die traditionelle linke Marschroute über das Klassenbewusstsein zum Klassenkampf beschworen wird. Mag dies in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Revolutionen quasi noch in der Luft lagen, als ein gangbarer Weg erschienen sein, muss gut eineinhalb Jahrhunderte später meines Erachtens mindestens ein Update her, um diesem Strang der linken Tradition Glaubwürdigkeit abgewinnen zu können. Damit soll nicht in Abrede gestellt werden, dass die Arbeiterbewegung bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht auch im „Westen“ einiges erreicht hätte. Den Kapitalismus bzw. die „freie Marktwirtschaft“ hat sie aber nicht abschaffen können. Mittlerweile muss man schon Berufsoptimist sein, wenn man von einer Bewegung der Arbeiterschaft sprechen wollte, lässt sie sich doch ziemlich kampflos alle erkämpften Errungenschaften nehmen. Daher gehe ich im Folgenden davon aus, dass sie nicht mehr existiert, oder doch so schwach ist, dass sie keinerlei gesellschaftliche Relevanz mehr besitzt. „Gegen den Kapitalismus via Klassenkampf und Alternativen dazu“ weiterlesen

Thesen bzw. Beobachtungen der „Modern Money Theory“

Es kann nicht schaden die zentralen Behauptungen der Modern Money Theory (MMT) kurz auf Deutsch zusammenzufassen, die auf zwei Blogbeiträgen basieren einer von Wray und einer von Mitchell. Die Thesen ergaben sich – wie im letzten Beitrag erwähnt – wohl aus der Beobachtung von Vorgängen im Finanzsektor, die dem gewöhnlichen Bild vom Geld bzw. vom Geldsystem fast diametral widersprechen. Die Rolle von Steuern und Staatsanleihen in einem währungssouveränen Staatsgebilde ohne Bindung an eine Ware wie Gold o.ä., d.h. wenn es sich um sog. fiat Geld handelt, ist nach der MMT vollkommen anders aufzufassen, als dies der größte Teil der Wirtschaftswissenschaft und der „gesunde Menschenverstand“ vermittelt über die Hauptmedien suggerieren. „Thesen bzw. Beobachtungen der „Modern Money Theory““ weiterlesen

Über „Post-Keynesianismus“ und „Modern Money Theory“

Eine kleine Gruppe von akademisch tätigen Ökonomen, die zumindest versucht Makroökonomik als Wissenschaft (weiter) zu betreiben, sind die Post-Keynesianer. Sie treiben die wirtschaftswissenschaftliche Forschung nach eigenen Angaben im Sinne Keynes‘ voran und grenzen sich damit von jenen Anpassungen der Keynesschen Theorie an den neoklassischen Mainstream, wie sie in den Standardlehrbüchern für Studierende zu finden sind, ab. Was die Gruppe laut Chakravarty eint, ist Keynes‘ Annahme, dass es eine kausale Beziehung zwischen Investitionen und Sparen gibt, keine Identität von Sparen und Investitionen wie in der Neoklassik. Außerdem gehen sie davon aus, dass sich makroökonomische Vorgänge nicht strikt auf mikroökonomische reduzieren lassen. Das Ganze der Wirtschaft ist also mehr als seine Teile, wie ein Segelboot andere Schwimmeigenschaften aufweist als die in ihm verbauten Nägel.

Die nicht allzu zahlreichen Forscherinnen und Forscher dieser Richtung setzen selbstverständlich verschiedene Schwerpunkte. Steve Keen etwa ist in seinen Forschungen darauf aus, Hyman Minskys Diktum umzusetzen, dass ein Makromodell eine Krise simulieren können muss. Dabei bedient er sich eines Systems aus Differentialgleichungen, um damit die aggregierte Dynamik des Kapitalismus modellhaft zu erfassen, die eben auch Krisen umfassen muss. Luigi Pasinettis Werk konzentriert sich hingegen mehr auf die Produktionsseite des Kapitalismus, während die Modern Monetary Theory einen Blick auf die Rolle modernen Geldes wirft, der sich nach L. Randall Wray ergab, nachdem man empirisch die Funktionsweise der Zentralbanken in Industrieländern mit eigener Währung untersuchte. „Über „Post-Keynesianismus“ und „Modern Money Theory““ weiterlesen

Zum Vorwurf des verkürzten Marx-Verständnisses

Ein Standardvorwurf der Marx-Gelehrten, wenn man ihren Meisterdenker nicht in ihrem Sinne kritisiert, ist, dass man ein verkürztes Verständnis seines umfangreichen Werkes habe vor allem dann, wenn man sich die Rechnungen des Krausbärtigen kritisch anschaut. Nun werden selbst seine Verfechter zugeben müssen, dass Marx selbst mit einer ganzen Reihe an Zahlenbeispielen in seiner Kritik der Politischen Ökonomie aufwartet. So scheint die Tabellenkalkulation, die er hier anstellt tatsächlich fehlerhaft zu sein. Es mag sein, dass er die Fehler noch korrigiert hätte, schließlich war Band 3 des Kapitals noch nicht druckfertig. Was dem heutigen Leser aber vorliegt, ist dieser hypothetische Versuch einer Transformation von Werten in Produktionspreise, der misslingt. Bei näherer Betrachtung gelangt man nämlich zu dem Ergebnis, dass die Waren nicht notwendig zu ihrem Wert verkauft werden, wenn man die Durchschnittsprofitrate zur Berechnung zugrunde legt, was aber gezeigt werden sollte. Damit reduziert man die Werttheorie nicht zwingend darauf, wie Heinrich dies ausdrückt, die relativen Preise anzugeben, sondern zeigt bloß, dass diese es in der dargebotenen Form in Bd. 3 des Kapitals eben nicht leistet. Da beißt die Maus nun einmal keinen Faden ab. „Zum Vorwurf des verkürzten Marx-Verständnisses“ weiterlesen

Profitratenfall revisited

Beim umhersurfen stieß ich auf einen Artikel von Joseph Choonara, der die Tendenz zum Fall der Profitrate Marx folgend anführt und andeutungsweise mit der Arbeitswertlehre begründet. Investitionen in Maschinerie seien demnach solche in „tote Arbeit“, die die Produktivität zwar erhöhen, aber eine Verringerung der „Mehrwertmasse“ durch die Verbilligung der Produkte mit sich bringen, sofern mehr in „tote Arbeit“ als in lebendige investiert werde.

Choonara präsentiert weiter unten eine Abbildung mit Schätzungen der globalen Profitrate aus einem anderen Werk, die sich seit Mitte der 2000er Jahre anscheinend auf einen Wert unter 17% einzupendeln scheint, während sie ihren Höhepunkt offenkundig in der Mitte der 1960er mit angeblich fast 27% erreichte. Schaut man sich die Quelle an, muss man feststellen, dass ihr Urheber Esteban Maito die Probleme der Arbeitswertlehre elegant umschifft, wie statistisch arbeitende Marxianer dies meines Wissens nach gerne tun. Maito referiert die übliche Definition der Profitrate: Pr = m/(v+k) mit m wie Mehrwert, k wie konstantes Kapital (Maschinerie etc.) und v dem Wert des variablen Kapitals, der lebendigen Arbeit, und fügt sogar noch zirkulierendes Kapital (z) wie Rohstoffe und Betriebsmittel usw. als Summanden ein. Die Profitrate nach Maito sieht daher zunächst so aus: Pr = m/(v+k+z). Da z schwierig zu messen sei, v keine große Bedeutung mehr für den Profit habe, vereinfacht sich die statistische Aufgabe zu Pr = m/k. Basierend auf verschiedenen statistischen Quellen kommt Maito zu dem Schluss, dass Marx recht hatte, was den tendenziellen Fall Profitrate betrifft. „Profitratenfall revisited“ weiterlesen