Für einen entspannteren Umgang mit unterschiedlichen linken Theorieansätzen

Wer meint, dass der Kapitalismus nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen sein kann, kann zu diesem Ergebnis mit oder ohne die Arbeitswerttheorie kommen. Jüngst lauschte ich einem marxistisch orientierten Ökonomen irgendwo in den Weiten des Netzes, dem letztlich das Etikett marxistisch ziemlich egal zu sein schien, solange wichtige Aussagen über die uns durchherrschende Wirtschaftsform gewonnen werden können. Ganz allgemein, dürfte es leichter fallen, etwas zu überwinden, wenn man sich dazu aufrafft, es zu verstehen. Mit dem Internet gibt es die Möglichkeit relevante Informationen zu geringen Kosten auszutauschen und die marginalisierten progressiven Menschen an der „theoretischen Front“, sollten sich das Leben nicht unnötig schwer machen. Mir kommt es eher so vor als pflegten manche Ökonomen einen marxistischen Jargon, um das, was sie aus Statistiken herausgefiltert haben, für ihre marxistischen Kollegen in der Universitätslandschaft lesbar zu machen. Die Rückübersetzung könnte aber auch nicht schaden. „Für einen entspannteren Umgang mit unterschiedlichen linken Theorieansätzen“ weiterlesen

Zur Evidenz marxistischer Grundannahmen

Marxistisch bzw. marxianisch (*) gefärbte Beiträge treffen oft Voraussetzungen, die allem Anschein nach für vollkommen evident gehalten werden. So heißt es in Susan Bonaths Artikel einleitend, dass die Baumwollpflückerin und die Näherin, die einzigen seien, die einem – sagen wir – Baumwollhemd neuen Mehrwert zufügten. Handel, Transport, Finanzwesen usw. trügen nicht zum „Realprofit“ bzw. „neuen Mehrwehrt“ bei. Nur im Produktionsprozess kann dieser Doktrin zufolge neuer Mehrwert entstehen. In zahlreichen Variationen lässt sich dieses Credo der marxianischen Arbeitswertlehreadeptinnen seit eineinhalb Jahrhunderten lesen. Dass seither aber – soweit ich das bisher überblicken konnte – ziemlich unklar geblieben ist, wie jener „Realprofit“ zu messen wäre, lässt sich nur schwer abstreiten. Die Marx-Interpretationen gehen darüber nämlich sehr weit auseinander. Dennoch ist die freundlichere Entgegnung auf solchen Marx-Frevel oft der des verkürzten Marxverständnisses, wird man nicht gleich der kapitalistischen Spitzelei bezichtigt. Da ich tatsächlich mehr an Verständigung als an Polemiken interessiert bin, versuche ich hiermit mein Marxverständis zu „verlängern“. „Zur Evidenz marxistischer Grundannahmen“ weiterlesen

Zu den empirischen Befunden über „Perfektionismus“

Obgleich die Nachdenkseiten mit ihren Beschwerden ob des Werdegangs der SPD in den letzten zwei Jahrzehnten etwas weltfremd wirken, anstatt den Laden der Spezialdemokraten zu den liberal-konservativen Kräften zu zählen, lohnt immer mal wieder ein Blick auf ihre Webseite. So gruben sie jüngst einen Artikel aus, der zuerst im Jacobinmag erschien. Er handelt von einer sozialpsychologischen Studie von Thomas Curran und Andrew Hill, die mit einer weiten Definition des Begriffs Perfektionismus statistische Hinweise fanden, dass sich dieser seit der neoliberalen Restauration in den 1970ern ausgebreitet hat. Perfektionismus meint dabei
1. überzogene Erwartungen an sich selbst,
2. überzogene Erwartungen in Bezug auf andere,
3. und die gesellschaftlich vorgegebene Form, die mit der Wahrnehmung verbunden ist, dass alle nur darauf zu warten scheinen, jemanden aufgrund eines Fehlers für immer abzuschreiben, mithin eine Kultur der ständigen Bewertung und Rangfolgen.
„Zu den empirischen Befunden über „Perfektionismus““ weiterlesen

Thesen bzw. Beobachtungen der „Modern Money Theory“

Es kann nicht schaden die zentralen Behauptungen der Modern Money Theory (MMT) kurz auf Deutsch zusammenzufassen, die auf zwei Blogbeiträgen basieren einer von Wray und einer von Mitchell. Die Thesen ergaben sich – wie im letzten Beitrag erwähnt – wohl aus der Beobachtung von Vorgängen im Finanzsektor, die dem gewöhnlichen Bild vom Geld bzw. vom Geldsystem fast diametral widersprechen. Die Rolle von Steuern und Staatsanleihen in einem währungssouveränen Staatsgebilde ohne Bindung an eine Ware wie Gold o.ä., d.h. wenn es sich um sog. fiat Geld handelt, ist nach der MMT vollkommen anders aufzufassen, als dies der größte Teil der Wirtschaftswissenschaft und der „gesunde Menschenverstand“ vermittelt über die Hauptmedien suggerieren. „Thesen bzw. Beobachtungen der „Modern Money Theory““ weiterlesen

Über „Post-Keynesianismus“ und „Modern Money Theory“

Eine kleine Gruppe von akademisch tätigen Ökonomen, die zumindest versucht Makroökonomik als Wissenschaft (weiter) zu betreiben, sind die Post-Keynesianer. Sie treiben die wirtschaftswissenschaftliche Forschung nach eigenen Angaben im Sinne Keynes‘ voran und grenzen sich damit von jenen Anpassungen der Keynesschen Theorie an den neoklassischen Mainstream, wie sie in den Standardlehrbüchern für Studierende zu finden sind, ab. Was die Gruppe laut Chakravarty eint, ist Keynes‘ Annahme, dass es eine kausale Beziehung zwischen Investitionen und Sparen gibt, keine Identität von Sparen und Investitionen wie in der Neoklassik. Außerdem gehen sie davon aus, dass sich makroökonomische Vorgänge nicht strikt auf mikroökonomische reduzieren lassen. Das Ganze der Wirtschaft ist also mehr als seine Teile, wie ein Segelboot andere Schwimmeigenschaften aufweist als die in ihm verbauten Nägel.

Die nicht allzu zahlreichen Forscherinnen und Forscher dieser Richtung setzen selbstverständlich verschiedene Schwerpunkte. Steve Keen etwa ist in seinen Forschungen darauf aus, Hyman Minskys Diktum umzusetzen, dass ein Makromodell eine Krise simulieren können muss. Dabei bedient er sich eines Systems aus Differentialgleichungen, um damit die aggregierte Dynamik des Kapitalismus modellhaft zu erfassen, die eben auch Krisen umfassen muss. Luigi Pasinettis Werk konzentriert sich hingegen mehr auf die Produktionsseite des Kapitalismus, während die Modern Monetary Theory einen Blick auf die Rolle modernen Geldes wirft, der sich nach L. Randall Wray ergab, nachdem man empirisch die Funktionsweise der Zentralbanken in Industrieländern mit eigener Währung untersuchte. „Über „Post-Keynesianismus“ und „Modern Money Theory““ weiterlesen

Profitratenfall revisited

Beim umhersurfen stieß ich auf einen Artikel von Joseph Choonara, der die Tendenz zum Fall der Profitrate Marx folgend anführt und andeutungsweise mit der Arbeitswertlehre begründet. Investitionen in Maschinerie seien demnach solche in „tote Arbeit“, die die Produktivität zwar erhöhen, aber eine Verringerung der „Mehrwertmasse“ durch die Verbilligung der Produkte mit sich bringen, sofern mehr in „tote Arbeit“ als in lebendige investiert werde.

Choonara präsentiert weiter unten eine Abbildung mit Schätzungen der globalen Profitrate aus einem anderen Werk, die sich seit Mitte der 2000er Jahre anscheinend auf einen Wert unter 17% einzupendeln scheint, während sie ihren Höhepunkt offenkundig in der Mitte der 1960er mit angeblich fast 27% erreichte. Schaut man sich die Quelle an, muss man feststellen, dass ihr Urheber Esteban Maito die Probleme der Arbeitswertlehre elegant umschifft, wie statistisch arbeitende Marxianer dies meines Wissens nach gerne tun. Maito referiert die übliche Definition der Profitrate: Pr = m/(v+k) mit m wie Mehrwert, k wie konstantes Kapital (Maschinerie etc.) und v dem Wert des variablen Kapitals, der lebendigen Arbeit, und fügt sogar noch zirkulierendes Kapital (z) wie Rohstoffe und Betriebsmittel usw. als Summanden ein. Die Profitrate nach Maito sieht daher zunächst so aus: Pr = m/(v+k+z). Da z schwierig zu messen sei, v keine große Bedeutung mehr für den Profit habe, vereinfacht sich die statistische Aufgabe zu Pr = m/k. Basierend auf verschiedenen statistischen Quellen kommt Maito zu dem Schluss, dass Marx recht hatte, was den tendenziellen Fall Profitrate betrifft. „Profitratenfall revisited“ weiterlesen

Statistische Blicke auf die real existierende Marktwirtschaft I

Wie angekündigt soll im Folgenden ein Blick auf die wirtschaftliche Wirklichkeit in der real existierenden Marktwirtschaft geworfen werden, wobei der Finanzsektor in diesem Beitrag außen aus Aufwandsgründen vor bleibt. Die zugrundeliegenden Zahlen sind öffentlich zugänglich und können unter der Rubrik „Structural Business Statistics“ abgerufen werden.

Die Klitsche als dominierende Unternehmensgröße

Die meisten privatwirtschaftlichen Unternehmen in der EU28 waren nach den neuesten Zahlen der europäischen Statistikbehörde eustat von 2015 keine Großkonzerne sondern kleine Klitschen mit bis zu 9 Angestellten. Dies galt 2015 EU-weit für ca. 93% der etwa 23,5 Millionen Betriebe, wobei Deutschland eine Ausnahme darstellt, als hierzulande der Anteil „bloß“ bei ca. 82% lag. Wenn man nach einer Antwort sucht, weswegen die neoliberale Ideologie noch immer wirkmächtig ist, kann man an solch simplen empirischen Befunden nicht vorbeigehen. „Statistische Blicke auf die real existierende Marktwirtschaft I“ weiterlesen