„Jamaika“ im Bundestag ist vom Tisch

Die Demokratie lebt, man kann Sondierungsgespräche tatsächlich scheitern lassen! So war das Fazit irgendeines Radiokommentars an die Adresse derjenigen, die nicht mehr so recht an entscheidende Unterschiede zwischen den etablierten Parteien glauben. Aber ist dieser Schluss tatsächlich stichhaltig? Kann man nicht auch so argumentieren, dass die Klientel, der man sich in der FDP, der deutsche industrielle Mittelstand sowie Ärzte und die übrigen Besserverdienenden im Gesundheitsbereich, verpflichtet fühlt, nicht genügend von der eigenen Regierungsbeteiligung profitieren würde? Könnte es nicht auch sein, dass die Interessen der großherzigen Spender der FDP nicht gar so deutlich zum Zuge gekommen wären, hätte es die Jamaikakoaltion (CDU, CSU, FDP, Grüne) gegeben? „„Jamaika“ im Bundestag ist vom Tisch“ weiterlesen

Der inhaltsleere Wahlkampf aus neoliberaler Perspektive

Der sich abzeichnende Wahlsieg der weiblichen Strebsamkeitsfigur Angela Merkel wirft seine Schatten voraus und ihr „Herausforderer“ Martin Schulz von der SPD warf ihr offenbar vor, einen einschläfernden Wahlkampf zu führen. Dieser Vorwurf fällt unmittelbar auf die SPD zurück, die dadurch augenscheinlich zugesteht, nicht in der Lage zu sein, eigene Themen zu setzen und so zu vertreten, dass sie nicht wie bloße Kosmetik klingen.

Dieser Zustand ist genau derjenige, den sich die neoliberale Ideologie mit ihrer Entthronung der Politik (Hayek) wünscht. Die gesellschaftlich entscheidenden Wahlen finden im Supermarkt oder bei Online-Handelsketten statt, bestimmt doch die Konsumentscheidung über das Wohl und Wehe so mancher Unternehmen. Die parlamentarischen Wahlen belaufen sich darauf, das möglichst reibungslose Ablaufen der betrieblichen Gewinnmaximierung zu gewährleisten, dem Gewinnmaximierungsprinzip möglichst alle Staatsaufgaben unterzuordnen und, wenn es geht, zu privatisieren. „Der inhaltsleere Wahlkampf aus neoliberaler Perspektive“ weiterlesen

Hippies, die Kapitalismus super finden…

In letzter Zeit traf ich oft auf mitteldeutsche Leute, die man grob den Hippies zurechnen würde, was Musik- und Klamottengeschmack sowie Lebensstil betrifft. Viele erlebten die Wende 1989/90 tatsächlich als Befreiung, konnten endlich die großen Rockbands der Ära des Kalten Krieges auf der Bühne sehen, sich frei auf dem Erdball bewegen nur begrenzt durch das eigene Budget. Lieber einen Kapitalismus, der zwar langsam die Samthandschuhe auszieht, als ein Lethargie und Korruption fördernder real existierender Sozialismus, der zu verknöchert war, so etwas wie Gegenkultur zu tolerieren, war in etwa der Tenor, den ich heraushören konnte.

Obwohl ich der Überzeugung bin, dass die kapitalistische Herrschaftsform abzulehnen ist, ist die beschriebene Sicht der Dinge für mich nachvollziehbar. Ihr Fehler ist – wie so oft -, dass eine falsche Dichotomie von Kapitalismus und dem Parteisozialismus des Ostblocks angenommen wird. Da sich Deutschlands Wirtschaft durch die Exportorientierung seit der Krise 2007/8 im Vergleich zum Rest der Welt noch ganz passabel aus der Affäre ziehen konnte, funktioniert die Apologie des Kapitalismus in Deutschland wohl immer noch besonders gut. „Hippies, die Kapitalismus super finden…“ weiterlesen

Zur Senkung der „fremdverwirklichenden“ Arbeitsmoral

Ein im letzten Beitrag etwas unterschlagener Aspekt von Befehl-Gehorsam-Strukturen ist, dass die Gewohnheit daran das Gehirn entlastet. Viele Menschen sind – so scheint es – nicht in der Lage sich selbst auszuhalten und sich Ziele zu setzen, die ihnen niemand anders vorgibt. Allem Anschein nach könnte sehr viel überflüssige Schufterei schon heute wegfallen, doch würden viele von der Arbeitsgesellschaft zugerichtete Menschen dies noch gar nicht aushalten, weil ihre ganze Persönlichkeit daran hängt, Befehlen Folge zu leisten. Sie haben dabei vielleicht nicht im Wortsinne Spass, aber sind auch nicht zwingend unglücklich damit, weil es der Norm einer Arbeitsgesellschaft entspricht. Wer jedoch aus dieser Norm herausfällt, wird scheinbar reflexhaft angefeindet.

Im Gegensatz zum Selbstverwirklichungsansatz werden die meisten hierzulande quasi „fremdverwirklicht“, ohne dass sie daran groß Anstoß nähmen. Ganz ähnlich wie manch Polizist davon träumt, im Ausland verwendet zu werden, möchten auch viele Menschen aus der übrigen Arbeitsbevölkerung schlicht benutzt werden. Der Vorteil eines ausgefüllten Arbeitstages ist, dass Gedanken gar nicht erst aufkommen können. Das zentrale Nervensystem wird vielleicht noch zum Small Talk benötigt und verkümmert ansonsten ziemlich ungenutzt bis zur Rente, die nach den Vorstellungen des BDI aber erst mit 80 kommen soll. „Zur Senkung der „fremdverwirklichenden“ Arbeitsmoral“ weiterlesen

Kulturredaktionen und Logik: Dichterinnen-Schutzraum „Octavia“

Deutschlandradio Kultur strahlte unlängst einen Bericht über eine Dichterin aus, die Mitglied im nicht-weißen Dichterinnen-Schutzraum „Octavia“ ist. Die Anmoderation zeichnete zuvor ein Bild offener werdenden Rassismuses auf den britischen Inseln, seit der Brexit beschlossene Sache ist. Der Bericht selbst aber legte ungewollt eher die Widersprüche des Schutzraumansatzes bloß und hatte mit dem rassistischer werdenden Meinungsklima in Good Old England weniger zu tun. „Kulturredaktionen und Logik: Dichterinnen-Schutzraum „Octavia““ weiterlesen

Zur massenmedialen Bevormundungstendenz

Die im letzten Beitrag schon angesprochene bevormundende Tonart der veröffentlichten Meinung insbesondere im Staatsfunk fiel mir letzten Sonntag während der Publikumsaudienz des Presseclubs noch einmal ganz besonders auf die Nerven. Thema war der Niedergang der mitte-links Parteien, auch als sozialdemokratische Parteien bekannt, in Europa und die Wahlkampftips, die die versammelten Journalistinnen vom Presseclub Martin Schulz mit auf den Weg geben würden, obgleich alle der Ansicht schienen, dass Merkel ohnehin wieder Kanzlerin werden würde. Entsprechend irrelevant wirkten die Tips, etwa wie Macron für mehr Frauen im Parlament zu werben, LBGTQ*-Rechte mit in die Rhetorik einzuflechten etc.. Ob diese Themen Macron tatsächlich zum frz. Präsidenten werden ließen, sei einmal dahingestellt. „Zur massenmedialen Bevormundungstendenz“ weiterlesen

Neues Wort gelernt: Linkstribun

In einer dlf-Radiosendung über die anstehenden französischen Präsidentschaftswahlen, wurden die vier derzeit aussichtsreichsten Kandidaten vorgestellt namentlich Marine Le Pen, Emmanuel Macron, Francois Fillon und Jean-Luc Mélenchon. Zu diesem Zweck wurde ein in Frankreich lebender österreichischer Journalist interviewt, der Le Pen und Mélenchon vorn sah, wobei er letzteren als Linkstribun titulierte. Mir ist bekannt, dass in Österreich teilweise ein anderes Vokabular benutzt wird als bei uns Piefkes, dennoch scheint es sich um eine Wortschöpfung des besagten Journalisten zu handeln. Diese soll wohl ausdrücken, dass es sich bei Mélenchon um einen Linksradikalen handele, der potentiell gefährlich werden könnte. Für wen oder was der linkssozialdemokratische Kandidat eine Gefahr darstellt, kommt freilich nicht zum Ausdruck. „Neues Wort gelernt: Linkstribun“ weiterlesen

Über kontraintuitive Begriffsverwendung aus dem Antidiskrimierungslager

Per Zufall landete ich letztens bei einer sozialphilosophischen Diskussionssendung über (staatlichen) Rassismus und damit zusammenhängenden Sexismus in Frankreich auf arte. Wenn etwa von Rassismus betroffene Personen ein Sommercamp veranstalten und nicht Betroffene ausschließen, sei das nicht rassistisch, wenn eine Kneipe nur autochtone Franzosen und Europäer hereinlässt, handele es sich hingegen um Rassismus. Wegen der antirassistischen Zielsetzung des Camps sei eine Positivdiskriminierung laut der dafür scheinbar zuständigen akademischen Kapazitäten gerechtfertigt. „Über kontraintuitive Begriffsverwendung aus dem Antidiskrimierungslager“ weiterlesen

Zur Einstellung der jungen Beschäftigten in Deutschland

Manchmal schnappt man aus dem öffentlichen Rundfunk etwas auf und weiß nicht mehr genau, wann und wo es gesendet wurde. Jedenfalls begab es sich vor ein paar Tagen, dass die Meldung die Runde machte, dass die jungen Beschäftigten hierzulande mehrheitlich eine nüchterne Einstellung zu ihrem Job haben: Sie gehen zur Arbeit, weil sie dafür bezahlt werden. Na da schau her, Geld ist die Hauptmotivation für die Arbeit nicht die „Selbstverwirklichung” und der Spass an der Tätigkeit.
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