Religiöse Momente der Arbeit

Die Ähnlichkeiten von Arbeit und Religion sind teilweise frappierend. So scheinen Arbeit und Gottesdienst gar nicht weit auseinanderzuliegen. Wer nicht zum Dienst erscheint, ist gewissermaßen von der Gesellschaft exkommuniziert, geächtet und sieht sich den Schikanen der Arbeitsinquisition ausgesetzt, die bei uns in Schland „Jobcenter“ genannt wird. Ketzerei gegen die angeblich so heilsame sozialpsychologische Wirkung, Befehle zu empfangen und pflichtgemäß auszuführen – eine zentrale Botschaft der Arbeitsreligion, wird ziemlich gnadenlos bestraft. Bisweilen müssen sogar Exorzisten sich daran setzen, Menschen den Faulheitsteufel wieder auszutreiben; Arbeitspsycholog*in nennen sie sich im Kontext der Arbeitsreligion und werden auf besonders renitente Arbeitslose angesetzt. „Religiöse Momente der Arbeit“ weiterlesen

Über eine Kritik am deutschen Schulsystem

Letztens las ich einen Artikel beim Rubikon-Magazin über das deutsche Schulsystem. Im Untertitel heißt es gar, der Autor rechne mit dem Schulsystem ab. Leider rechnet er in der Art der OECD und ähnlicher internationaler Institutionen der real-existierenden Marktwirtschaft ab, die diesen Beitrag zu einem der schwächeren des Rubikon-Magazins werden lassen:

Wir können uns es nicht leisten, unser wichtigstes Potenzial noch länger so maßlos zu zerstören: die Kreativität, Entdeckerfreude, Begeisterung und die Lust am Lernen unserer Kinder. In der Schule werden ihnen diese Anlagen genommen. Im Austausch dafür erhalten sie einen Schulabschluss.

Zu fragen wäre bei obigem Zitat, wer mit dem „Wir“ angesprochen werden soll, das sich ein wie gewohnt weiter laufendes Schulsystem nicht mehr leisten könne. Der Verdacht liegt nahe, dass mit „Wir“ die deutsche Wirtschaft gemeint ist. Der direkt anschließende Abschnitt liest sich dann so:

Doch auch weltweit erhalten und nutzen immer mehr Menschen die Chance auf einen Schulabschluss, vor allem in Asien. In naher Zukunft wird der Punkt kommen, ab dem Abschlüsse nichts mehr wert sind. Was jeder dann benötigt, um einen Job zu bekommen und im Arbeitsleben erfolgreich zu sein, sind Kreativität und Motivation, die einem in der Schule abtrainiert werden (1).

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Ein paar Worte zum Thema Migration

In einem lesenswerten Interview mit dem Historiker Hannes Hofbauer stellt dieser heraus, dass selbst Marx und Engels keine konsistente Position in Bezug auf menschliche Wanderungsbewegungen ihrer Zeit hatten. Mit Blick auf die Einwanderung irischer Arbeitskräfte nach England bemerkte Marx wohl, dass die englische Bourgeoisie die ethnischen Unterschiede nutzte, um die Arbeiterklasse zu spalten und die Löhne zu drücken. Engels hingegen befürwortete bei seinen Betrachtungen der Entwicklung in den Vereinigten Staaten die ungehinderte Migration, weil er die Hoffnung hegte, dass auf diese Weise das Elend der Arbeiterklasse so groß werden würde, dass sie die Revolution auslösen würde. Angesichts der heutigen Situation kommt mir diese Ambivalenz irgendwie bekannt vor. Heutige sozialistische Kleinparteien argumentieren wie einst Engels, obwohl seine Vorhersage nicht eintraf. „Ein paar Worte zum Thema Migration“ weiterlesen

Die Kanzlerin der Märkte tritt ab

Die Kanzlerin verkündete heute, dass sie nicht mehr für das Amt der CDU-Vorsitzenden kandidieren wird und auch nur noch für diese Legislaturperiode Kanzlerin bleiben wird. Auslöser für ihre Entscheidung war anscheinend das Wahlergebnis in Hessen. Mit ihr wird eine Politikerin abtreten, deren Politik beliebiger nicht hätte sein können, die die Herrschaft der Märkte wie kaum eine andere in diesem Lande repräsentierte. Daher hofft die deutsche Wirtschaft, dass wieder ein Gesicht in der CDU gefunden wird, dass die Leute davon abhält, sich dafür zu interessieren, was vor sich geht. Wer sich dem Neoliberalismus bzw. Ordoliberalismus verschrieben hat, wünscht im Grunde, dass der Markt nach Möglichkeit alles regelt und somit, dass sich die Politik quasi selbst abschafft. Dafür war und ist Angela Merkel die Idealbesetzung. Jetzt hat die PR-Abteilung der CDU noch drei Jahre Zeit, um den Personalbestand der Partei zu sichten, ob die Rufe nach mehr Markt von Annegret Kramp-Karrenbauer in Gestalt von Friedrich „Mehr Kapitalismus wagen“ Merz oder der Ruferin selbst erhört werden sollten. Vielleicht sind die PR Fachleute aber auch der Ansicht, dass ein jüngerer Kandidat zwecks Erschließung jüngerer Wählerschichten aufgebaut werden muss. Der Politmarkt wird das Wahlvolk zuverlässig davon in Kenntnis setzen. „Die Kanzlerin der Märkte tritt ab“ weiterlesen

Pseudonobel

Die Verleihung des „Nobelpreises“ für Wirtschaftswissenschaften geisterte gerade durch die Medien. Immerhin machte der Deutschlandfunk darauf aufmerksam, dass es ein Preis der schwedischen Reichsbank ist, der Ende der 1960er Jahre ins Leben gerufen wurde. Nicht jedes Medienerzeugnis liefert diese Zusatzinformation, wie ein Blick in die Lokalpresse mir heute morgen verriet. Wieder einmal wurden zwei Vertreter einer Wissenschaft, deren Wissenschaftsstatus als äußerst zweifelhaft zu gelten hätte, aller Wahrscheinlickeit nach für ihren Griff in den mathematischen Modellbaukasten der Neoklassik geehrt. Dem Schreiberling der Lokalpresse gelten diese Modellrechnungen allen Ernstes als wissenschaftliche Erkenntnis. Nordhaus hat wohl zeigen können, dass der Klimawandel sich ohne dramatische wirtschaftliche Einbussen bewältigen lassen könnte, wenn nicht Lobbygruppen dem entgegenstünden. Der zweite Vertreter – Romer – basteltete eine raffiniertere Wachstumstheorie, die Wachstum nicht bloß als eine von außen vorgegebene Größe betrachtet, sondern modellendogen aus den Investitionsentscheidungen der Firmen zu erklären sucht. Romer ist ein Beispiel für einen aus einer anderen Wissenschaft – der Mathematik – gewechselten Ökonomen, der seine vergleichsweise bessere mathematische Ausbildung in einen gut dotierten Ökonomieprofessorenposten ummünzen konnte. „Pseudonobel“ weiterlesen

„Mehr Markt“ dank Brinkhaus?

Der sog. Wirtschaftsflügel der CDU sorgte für einen Coup, sofern man der aufgebrachten Qualitätsjournaille Glauben schenken mag, als sie einen gewissen Ralph Brinkhaus statt Volker Kauder, dem angeblich engen Vertrauten Merkels, zum neuen Fraktionsvorsitzenden wählte. Nachdem Annegret Kramp-Karrenbauer zuletzt in der FAS endlich mehr Markt gefordert hatte, ließen sich die Wirtschaftsliberalen in der CDU-Fraktion anscheinend nicht mehr lumpen und wählten den vermeintlichen Erneuerer Brinkhaus. Die Forderung nach mehr Markt ist zwar aus Sicht der Bevölkerung geradezu grotesk, wenn sie mit der Behauptung verbunden wird, es habe zu viele soziale Wohltaten für die Untertanen unter Merkel gegeben. Mietpreisbremsen und Mindestlöhne sind schließlich mit genügend Ausnahmen versehen, als dass sie zu wirklich wirksamen Verbesserungen der Situation des Prekariats geführt hätten. Vermutlich hat man in Wirtschaftskreisen Angst, dass, wenn jetzt nicht gegengesteuert wird, irgendwann wirksamere staatliche Maßnahmen drohen könnten. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist unter Merkel sehr gering. Deswegen wird es der Wirtschaft eher darum gehen, über Jahrzehnte hinaus die herrschende Alternativlosigkeit als Heilsversprechen ausgeben zu können, damit niemand auf andere Ideen kommt. „„Mehr Markt“ dank Brinkhaus?“ weiterlesen

Liberale Strohmänner

Mitunter stolpere ich via feynsinn über einen liberalen Blog. Inzwischen hat der Betreiber eine Kategorie eingerichtet, die sich „Annahmen zum Linkssein“ nennt. Im vierten Eintrag hat er sich Diem25 herausgepickt, um deren Zielvorstellung einer wahrhaft demokratischen EU mittels Reformen lächerlich zu machen. Der Spott besteht dann einerseits darin, die Demokratisierung der EU mit den Feldzügen der USA im Nahen Osten zu verquicken und so die Angst vorm Überstaat Europa zu beschwören. Andererseits ergießt sich der Spott darüber, dass seitens Diem25 erwähnt wird, dass sich auch radikale Linke in ihren Reihen befinden. Mit Linksradikalismus verbindet der Autor nämlich allem Anschein nach nur den teils merkwürdigen Kleidungsstil von Teilen der linken Szene. So benutzt er eine geradezu klassische demagogische Technik, sich Strohmänner aufzubauen, auf die man dann genüßlich mit einem Schuss Ironie einprügeln kann. „Liberale Strohmänner“ weiterlesen

No border, no nation…und dann?

Irgendwie beschäftigt mich dieser Slogan immer mal wieder, weil er für mich transportiert, dass jemand seine moralische Integrität in puncto Weltoffenheit und internationaler Solidarität unter Beweis stellen möchte und vor allem, nicht rechts zu sein. Außerdem gehört „No border, no nation“ zum international anerkannten Erkennungszeichen des Widerstandes gegen Rassismus und gehört zu den beliebtesten Demoparolen, soweit ich das überblicken kann. Wenn es nach diesem Kommentar als Antwort auf den vorausgehenden geht, drückt sich darin überdies linke Prinzipientreue aus. Ansonsten unterwerfe man sich dem Zeitgeist und könne gar keine progressiven Forderungen – wie eben die nach offenen Grenzen für alle – stellen, weil sie nicht umsetzbar seien, heißt es dort. Nimmt man besagten Slogan aber beim Wort, wird damit gefordert, dass Staat bzw. Nation und mit ihm bzw. ihr die Grenzen quasi sofort zu verschwinden hätten. „No border, no nation…und dann?“ weiterlesen

Statistische Blicke auf die real existierende Marktwirtschaft I

Wie angekündigt soll im Folgenden ein Blick auf die wirtschaftliche Wirklichkeit in der real existierenden Marktwirtschaft geworfen werden, wobei der Finanzsektor in diesem Beitrag außen aus Aufwandsgründen vor bleibt. Die zugrundeliegenden Zahlen sind öffentlich zugänglich und können unter der Rubrik „Structural Business Statistics“ abgerufen werden.

Die Klitsche als dominierende Unternehmensgröße

Die meisten privatwirtschaftlichen Unternehmen in der EU28 waren nach den neuesten Zahlen der europäischen Statistikbehörde eustat von 2015 keine Großkonzerne sondern kleine Klitschen mit bis zu 9 Angestellten. Dies galt 2015 EU-weit für ca. 93% der etwa 23,5 Millionen Betriebe, wobei Deutschland eine Ausnahme darstellt, als hierzulande der Anteil „bloß“ bei ca. 82% lag. Wenn man nach einer Antwort sucht, weswegen die neoliberale Ideologie noch immer wirkmächtig ist, kann man an solch simplen empirischen Befunden nicht vorbeigehen. „Statistische Blicke auf die real existierende Marktwirtschaft I“ weiterlesen

„Leben, um zu arbeiten“: zur Sendung „Lebenszeit“

Zu Gast in der Sendung Lebenszeit auf dem DLF waren die Soziologieprofessorin Jutta Allmendinger und der Chefredakteur eines philosophischen Magazins Thomas Vašek. Bei „Lebenszeit“ handelt es sich um ein Format mit Zuhörerbeteiligung, was ein gewisses Maß an Zufälligkeit mit in den Verlauf bringen kann. Ich konnte sie weitgehend mitverfolgen und fand ein paar Punkte bemerkenswert, die ich kurz notieren möchte.

Zwar wiesen die Gäste auf ihre jeweils privilegierte Stellung hin, für etwas bezahlt zu werden, in dem sie einen Sinn sehen und dabei noch ziemlich selbstbestimmt ihre Zeit einteilen zu können, umschifften aber gekonnt die Frage, warum die meisten Menschen dieses Privileg nicht genießen. Warum sich Millionen Menschen in aller Frühe aus dem Bett quälen, um einem Job im Schichtrhythmus nachzugehen, kam somit gar nicht zur Sprache. Vielmehr wurde die normative Frage gestellt, welchen Stellenwert Arbeit haben sollte. Die Wirtschaft bzw. der Kapitalismus kam so gar nicht vor. Das allein ist schon eine bemerkenswerte Leistung! „„Leben, um zu arbeiten“: zur Sendung „Lebenszeit““ weiterlesen