Gesucht: die internationale Arbeiterbewegung

Das Gegenmittel gegen Fremdenfeindlichkeit für die unentwegten Sozialist*innen ist die internationale Arbeiter*innenbewegung. Die Expertinnen für Klassenkampf der Nouveau Parti anticapitaliste sind sich dessen sicher und wollen deswegen sofort die Grenzen öffnen. Sie führen die Situation Frankreichs in den 1960ern an, um zu verdeutlichen, dass nicht zwingend ein Lohndruck nach unten durch Zuwanderung ausgelöst werden muss, was aber umgekehrt nicht bedeutet, dass die Löhne zwingend steigen wegen der Einwanderung. Könnte es sein, dass sich die Machtverhältnisse seither sowohl in Deutschland als auch in Frankreich doch ein wenig zugunsten der Kapitalseite verschoben haben? Könnte es sein, dass es heute Massenarbeitslosigkeit sowohl in Deutschland als auch in Frankreich gibt?

Außerdem scheint mir, dass weder in Deutschland noch in Frankreich von massenweise klassenkämpferisch auftretenden Arbeiter*innen auf den Straßen berichtet wird. Auch ist mir von sozialrevolutionären Unruhen in den Herkunftsregionen der Flüchtlinge nicht viel bekannt, wenn man von der kurdischen linken Bewegung einmal absieht. Mir scheint daher, dass der npa das „revolutionäre Subjekt“ fehlt. Gäbe es eine internationale Arbeiter*innenbewegung, dann könnte sie diese oder jene Reformen durchsetzen, dann könnte sie die Macht der Kapitalisten brechen usw.. So liest sich dieser Beitrag der npa. Chasing rainbows nennt man sowas im Englischen wohl.

Wenn diese Voraussetzung aber nicht gegeben ist, dann sind alle, die ein wenig Realitätssinn anmahnen, fremdenfeindlich, wenn nicht gar faschistisch. Mit dieser „Haltung“ schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: man ist gegen Kritik immun, kann den Kritiker noch einen Unmenschen nennen und sich selbst moralisch überlegen fühlen – großartig. Auf diese Weise wird man aber auf absehbare Zeit in seiner linken – in dem Falle – Parteiblase leben, mitunter Zuspruch von Gleichgesinnten einsammeln und alles entgegenstehende für kapitalistische Propaganda halten.

Kürzlich kam mir ein Text aus der kurdischen linken Bewegung über die Linke in Deutschland unter die Augen, in dem zugegeben wurde, dass sich die Situation der Kurden nicht deckungsgleich auf die Situation in Europa übertragen lasse, man sich aber nicht hinter den linken Klassikern verschanzen sollte, die der Situtation nämlich auch nicht mehr gerecht werden. Die Texte von wsws.org und der npa sind allem Anschein nach Beispiele für das, worauf die kurdische Kritik anspielte.

Ist korrekte linke Politik ohne sofortige Weltrevolution denkbar?

Beim Blick auf so manche Publikation und manchen Kommentar im Internet gewinnt man den Eindruck, als sei es ein Ding der Unmöglichkeit, ohne sofortige Weltrevolution linke Politik machen zu können. So wird die Bewegung „aufstehen“, initiiert u.a. durch Sarah Wagenknecht als bekanntestes prominentes Gesicht, in diesem sozialistischen Artikel als nationalistisch und flüchtlingsfeindlich bezeichnet, um dann sozialistisch zu kontern:

Die einzige soziale Kraft, die diese Entwicklung bekämpfen und die Rechten stoppen kann, ist die internationale Arbeiterklasse.

Die internationale Arbeiterklasse wird also beschworen und zu Klassenkämpfen auf dem europäischen Kontinent aufgerufen.
Steht dieser Aufruf tatsächlich im Widerspruch zu den Forderungen von „aufstehen“, die im nationalen Rahmen durchgesetzt werden könnten? Ist alles, was im nationalen Rahmen an Verbesserungen für die Mehrheit der Bevölkerung durchgesetzt werden könnte mithin nationalistisch? „Ist korrekte linke Politik ohne sofortige Weltrevolution denkbar?“ weiterlesen

Zu den empirischen Befunden über „Perfektionismus“

Obgleich die Nachdenkseiten mit ihren Beschwerden ob des Werdegangs der SPD in den letzten zwei Jahrzehnten etwas weltfremd wirken, anstatt den Laden der Spezialdemokraten zu den liberal-konservativen Kräften zu zählen, lohnt immer mal wieder ein Blick auf ihre Webseite. So gruben sie jüngst einen Artikel aus, der zuerst im Jacobinmag erschien. Er handelt von einer sozialpsychologischen Studie von Thomas Curran und Andrew Hill, die mit einer weiten Definition des Begriffs Perfektionismus statistische Hinweise fanden, dass sich dieser seit der neoliberalen Restauration in den 1970ern ausgebreitet hat. Perfektionismus meint dabei
1. überzogene Erwartungen an sich selbst,
2. überzogene Erwartungen in Bezug auf andere,
3. und die gesellschaftlich vorgegebene Form, die mit der Wahrnehmung verbunden ist, dass alle nur darauf zu warten scheinen, jemanden aufgrund eines Fehlers für immer abzuschreiben, mithin eine Kultur der ständigen Bewertung und Rangfolgen.
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Gegen den Kapitalismus via Klassenkampf und Alternativen dazu

Bisweilen versetzt es mich in Erstaunen, wenn von manchen die traditionelle linke Marschroute über das Klassenbewusstsein zum Klassenkampf beschworen wird. Mag dies in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Revolutionen quasi noch in der Luft lagen, als ein gangbarer Weg erschienen sein, muss gut eineinhalb Jahrhunderte später meines Erachtens mindestens ein Update her, um diesem Strang der linken Tradition Glaubwürdigkeit abgewinnen zu können. Damit soll nicht in Abrede gestellt werden, dass die Arbeiterbewegung bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht auch im „Westen“ einiges erreicht hätte. Den Kapitalismus bzw. die „freie Marktwirtschaft“ hat sie aber nicht abschaffen können. Mittlerweile muss man schon Berufsoptimist sein, wenn man von einer Bewegung der Arbeiterschaft sprechen wollte, lässt sie sich doch ziemlich kampflos alle erkämpften Errungenschaften nehmen. Daher gehe ich im Folgenden davon aus, dass sie nicht mehr existiert, oder doch so schwach ist, dass sie keinerlei gesellschaftliche Relevanz mehr besitzt. „Gegen den Kapitalismus via Klassenkampf und Alternativen dazu“ weiterlesen

Thesen bzw. Beobachtungen der „Modern Money Theory“

Es kann nicht schaden die zentralen Behauptungen der Modern Money Theory (MMT) kurz auf Deutsch zusammenzufassen, die auf zwei Blogbeiträgen basieren einer von Wray und einer von Mitchell. Die Thesen ergaben sich – wie im letzten Beitrag erwähnt – wohl aus der Beobachtung von Vorgängen im Finanzsektor, die dem gewöhnlichen Bild vom Geld bzw. vom Geldsystem fast diametral widersprechen. Die Rolle von Steuern und Staatsanleihen in einem währungssouveränen Staatsgebilde ohne Bindung an eine Ware wie Gold o.ä., d.h. wenn es sich um sog. fiat Geld handelt, ist nach der MMT vollkommen anders aufzufassen, als dies der größte Teil der Wirtschaftswissenschaft und der „gesunde Menschenverstand“ vermittelt über die Hauptmedien suggerieren. „Thesen bzw. Beobachtungen der „Modern Money Theory““ weiterlesen

Zum Vorwurf des verkürzten Marx-Verständnisses

Ein Standardvorwurf der Marx-Gelehrten, wenn man ihren Meisterdenker nicht in ihrem Sinne kritisiert, ist, dass man ein verkürztes Verständnis seines umfangreichen Werkes habe vor allem dann, wenn man sich die Rechnungen des Krausbärtigen kritisch anschaut. Nun werden selbst seine Verfechter zugeben müssen, dass Marx selbst mit einer ganzen Reihe an Zahlenbeispielen in seiner Kritik der Politischen Ökonomie aufwartet. So scheint die Tabellenkalkulation, die er hier anstellt tatsächlich fehlerhaft zu sein. Es mag sein, dass er die Fehler noch korrigiert hätte, schließlich war Band 3 des Kapitals noch nicht druckfertig. Was dem heutigen Leser aber vorliegt, ist dieser hypothetische Versuch einer Transformation von Werten in Produktionspreise, der misslingt. Bei näherer Betrachtung gelangt man nämlich zu dem Ergebnis, dass die Waren nicht notwendig zu ihrem Wert verkauft werden, wenn man die Durchschnittsprofitrate zur Berechnung zugrunde legt, was aber gezeigt werden sollte. Damit reduziert man die Werttheorie nicht zwingend darauf, wie Heinrich dies ausdrückt, die relativen Preise anzugeben, sondern zeigt bloß, dass diese es in der dargebotenen Form in Bd. 3 des Kapitals eben nicht leistet. Da beißt die Maus nun einmal keinen Faden ab. „Zum Vorwurf des verkürzten Marx-Verständnisses“ weiterlesen

Statistische Blicke auf die real existierende Marktwirtschaft I

Wie angekündigt soll im Folgenden ein Blick auf die wirtschaftliche Wirklichkeit in der real existierenden Marktwirtschaft geworfen werden, wobei der Finanzsektor in diesem Beitrag außen aus Aufwandsgründen vor bleibt. Die zugrundeliegenden Zahlen sind öffentlich zugänglich und können unter der Rubrik „Structural Business Statistics“ abgerufen werden.

Die Klitsche als dominierende Unternehmensgröße

Die meisten privatwirtschaftlichen Unternehmen in der EU28 waren nach den neuesten Zahlen der europäischen Statistikbehörde eustat von 2015 keine Großkonzerne sondern kleine Klitschen mit bis zu 9 Angestellten. Dies galt 2015 EU-weit für ca. 93% der etwa 23,5 Millionen Betriebe, wobei Deutschland eine Ausnahme darstellt, als hierzulande der Anteil „bloß“ bei ca. 82% lag. Wenn man nach einer Antwort sucht, weswegen die neoliberale Ideologie noch immer wirkmächtig ist, kann man an solch simplen empirischen Befunden nicht vorbeigehen. „Statistische Blicke auf die real existierende Marktwirtschaft I“ weiterlesen

Die mathematischen Tücken ewigen Wachstums

Dass unendliches Wachstum in einer endlichen Welt möglich sei, ist eine implizite Grundannahme der Marktgesellschaft. Dass die Erde nicht unendlich viele nicht nachwachsende Ressourcen wie Metalle, Mineralien, fossile Energieträger usw. enthält, dürften selbst die glühendsten Marktwirtschaftsgläubigen kaum verleugnen. Dennoch drang dieser Tage durch den Äther, dass der Energieverbrauch des Weltmarktes im Jahr 2017 noch nie so hoch war. Da gleichzeitig davon gesprochen wird, dass die Weltwirtschaft sich wieder erholt habe, läge es wohl nicht fern einen Zusammenhang zu vermuten zwischen gesteigertem Energieverbrauch und wirtschaftlicher Erholung. Die Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Energieverbrauch – so darf angenommen werden – hat bislang nicht stattgefunden. Unter dieser Voraussetzung lohnt ein Blick in die Mathematik der Exponentialfunktionen. „Die mathematischen Tücken ewigen Wachstums“ weiterlesen

Widerstand erfolgreich: Flughafenbau in Notre-Dame-des-Landes gestoppt. Und nun?

Bei aller Sympathie für den Widerstand gegen ein schwachsinniges Infrastrukturprojekt wie den Flughafenbau in Notre-Dame-des-Landes bei Nantes zeigen sich einmal mehr die Grenzen von Widerständen als politischer Methode, denn das Macron-Regime hat den Plan anscheinend nach Jahrzehnten ganz lapidar zu den Akten gelegt. Im Lauf der Zeit entstanden in der Zone à défendre bzw. Zone d’Aménagement Différé (Zad) einige „ökolinke“ Projekte, deren Bestand inzwischen gefährdet ist, seit die erste Ursache für ihr Bestehen weggefallen ist. Einige der sogenannten Zadisten wehren sich gegen eine individualisierte prekäre Aufenthaltsgenehmigung einzelner Projekte und wünschen eine kollektive Genehmigung für die gesamte Zad. „Widerstand erfolgreich: Flughafenbau in Notre-Dame-des-Landes gestoppt. Und nun?“ weiterlesen

„Leben, um zu arbeiten“: zur Sendung „Lebenszeit“

Zu Gast in der Sendung Lebenszeit auf dem DLF waren die Soziologieprofessorin Jutta Allmendinger und der Chefredakteur eines philosophischen Magazins Thomas Vašek. Bei „Lebenszeit“ handelt es sich um ein Format mit Zuhörerbeteiligung, was ein gewisses Maß an Zufälligkeit mit in den Verlauf bringen kann. Ich konnte sie weitgehend mitverfolgen und fand ein paar Punkte bemerkenswert, die ich kurz notieren möchte.

Zwar wiesen die Gäste auf ihre jeweils privilegierte Stellung hin, für etwas bezahlt zu werden, in dem sie einen Sinn sehen und dabei noch ziemlich selbstbestimmt ihre Zeit einteilen zu können, umschifften aber gekonnt die Frage, warum die meisten Menschen dieses Privileg nicht genießen. Warum sich Millionen Menschen in aller Frühe aus dem Bett quälen, um einem Job im Schichtrhythmus nachzugehen, kam somit gar nicht zur Sprache. Vielmehr wurde die normative Frage gestellt, welchen Stellenwert Arbeit haben sollte. Die Wirtschaft bzw. der Kapitalismus kam so gar nicht vor. Das allein ist schon eine bemerkenswerte Leistung! „„Leben, um zu arbeiten“: zur Sendung „Lebenszeit““ weiterlesen