Geldlose Wirtschaft als Ziel

Eine Variante der Zukunftsvorstellungen im linken Spektrum scheint zu sein, dass der Kapitalismus nur überwunden sein wird, wenn es kein Geld, keinen Äquivalententausch mehr gebe, vgl. Kommentare unter diesem Beitrag. Führte man etwa ein Arbeitsstundenzettelsystem ein, um Ansprüche auf Produkte geltend zu machen, wäre man schnell wieder bei „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“. Fällt das Geld weg, könnte dazu übergegangen werden, direkt Gebrauchswerte zu produzieren. Insofern ist diese These durchaus konsequent. Bei feynsinn wird sie vehement verteidigt, was mitunter zu Missverständnissen führt, wenn neue Kommentatorinnen nicht völlig von einer geldlosen Wirtschaft überzeugt sind.
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Wert, Marx und die Krux der Interpretation

Nachdem ich mir einen Vortrag von Michael Heinrich angehört habe, gelange ich mehr und mehr zu der Auffassung, dass es diametral entgegengesetzte Interpretationen von Marx gibt. Heinrich weist gleich am Anfang darauf hin, dass Marx quasi dem lebenslangen Lernen verpflichtet gewesen sei und man als heutiger Leser dazu aufgerufen sei, seine „Lernkurve“ nachzuvollziehen. Es ist zwar gängig die Schriften des jungen Marx von denen des reifen, wozu insbesondere Das Kapital zählt, zu unterscheiden, doch Heinrich geht weiter. Für ihn ist jede Änderung zwischen den Auflagen des Kapitals bei zentralen Begriffen bedeutsam. So sei es wichtig, dass Wert in der ersten Auflage metaphorisch als Gedankending beschrieben wird und in der zweiten als gespenstische Gegenständlichkeit. Auch habe Marx nie von Arbeitswerttheorie gesprochen sondern von Werttheorie, weil er die ökonomische Klassik kritisieren wollte. „Wert, Marx und die Krux der Interpretation“ weiterlesen

Schwachsinn gibt es rechts, links und mittig

Eingangs bedarf es einer kurzen und damit unvollständigen Charakterisierung dessen, was unter rechts, links und mittig zu verstehen sein soll. Mit rechts meine ich den Glauben an die Überlegenheit der eigenen Nation bzw. des eigenen Volkes bzw. der eigenen Kultur gegenüber anderen, einen gewissen Hang zum Militär bzw. Militarismus und zur Exklusion Fremder und anderer Minderheiten und eine gewisse Autoritätsgläubigkeit etc.. Demgegenüber hat man aus meiner Sicht auf linker Seite eher ein Problem mit dem Militär, will eigentlich niemanden ausschließen, zweifelt an überkommenen Hierarchien und z.T. an Hierarchien überhaupt. Die politische Mitte oder, wie Tariq Ali sagen würde, die extreme Mitte, stellt quasi eine Mischung aus den beiden zuvor genannten Positionen dar, spielt sie – wie mir scheint – in letzter Zeit sogar gegeneinander aus.

Schwachsinn links

Aus irgendeinem Grund hat sich in den Köpfen vieler aus der Linken das Selbstverständnis festgesetzt, dass sie die Weisheit mit Löffeln gefressen hätten, weil sie für die ganze Menschheit das Beste wollen. Letzteres mag sein, dennoch ist man damit nicht gefeit vor Irrtümern und Abwegen wie die Existenz der Antideutschen zeigt, deren Vertreter*innen durchaus einen Atombombenabwurf zumindest in Punksongs auf Deutschland für geboten halten (Quelle liefere ich nach.). Das ist genuin linker Schwachsinn, der diesen Spassvögeln aufgrund des besagten linken Selbstverständnisses gar nicht mehr auffällt. Eine weitere Form linken Schwachsinns ist bspw., Menschen, die an bestimmte Verschwörungen glauben, grundsätzlich für rechts zu halten. Nicht einmal Menschen, die an eine Weltverschwörung von irgendeinem sinistren Zusammenschluss von Geldmächtigen o.ä. glauben, sind zwingend rechts, nur meiner Erfahrung nach meistens ziemlich bekloppt. Schließlich kann man rechte Einstellungen vertreten, ohne an irgendeine Verschwörung zu glauben.
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Aktuelle politische Kommunikation als Abfallprodukt des siegreichen Neoliberalismus

Solange tatsächlich Leute Beifall ernten, die im Ernst behaupten, die liberal-konservativen Regierungen der letzten Zeit in Westeuropa seien nach links gerückt, braucht sich niemand Sorgen zu machen, dass auf parlamentarischem Wege eine Veränderung eintritt. Die Schmerzen, die mir solche Kommentare bereiten, sind beinahe körperlich. Der Neoliberalismus hat gesiegt und zwar so gründlich, dass es keinem mehr aufzufallen scheint. Identitätspolitische Themen haben in der Tat inzwischen derartige Stilblüten getrieben, dass man nur noch mit dem Kopf schütteln kann, auch wenn sie nicht zu unrecht mit der politischen Linken identifiziert werden. Diese läuft Gefahr von vielen, wie der verlinkte Kommentar zeigt, quasi damit gleichgesetzt zu werden, weswegen der Eindruck entstehen kann, dass die Mitte-Rechts-Parteien nach „links“ rücken. „Aktuelle politische Kommunikation als Abfallprodukt des siegreichen Neoliberalismus“ weiterlesen

Weg von Hartz IV. Ein Schachzug aus der SPD-Marketingabteilung

Die Partei des donnernden „Sowohl-als-auch“ hat wieder zugeschlagen und eine Teilabkehr von den Hartz-Reformen der Schröderära beschlossen. Die CDU warnte selbstredend eilfertig vor einem Linksruck, während die Nahles dazu nur meinte, es sei ihr nur um die prinzipielle zukünftige Ausrichtung ihrer Partei gegangen nicht um die konkrete Regierungspolitik also um Public Relations. Mit anderen Worten, die SPD will den Kern ihrer eigenen Sozialstaatsreform nicht angreifen, aber kosmetische Verbesserungen in Aussicht stellen, um wieder bessere Umfragewerte zu erzielen.

Wenn zudem selbst eine sozialdemokratischen Gedanken offenkundig sehr ferne Kommentatorin, deren Name mir entfallen ist, im Deutschlandfunk meinte, dass die CDU mit ihrer Einschätzung daneben läge, weil die SPD zwar dem Land mit Hartz IV genutzt, aber sich selbst in puncto Wählergunst geschadet habe, dann ist über die Tragweite der besagten Abkehr eigentlich schon alles gesagt. Die Kommentatorin fügte hinzu, dass die SPD nunmal die Partei der „sozialen Wärme“ sei, was sie mit einer Despektierlichkeit in der Stimme vortrug, die ein wenig an die Arroganz der republikanischen Elite Frankreichs unter Macron erinnert. Man müsse darum aus der liberal-konservativen Sicht sozusagen Verständnis für diese Marketingaktion der SPD-Spitze aufbringen.

Die Dame vom Deutschlandfunk geht anscheinend mit der Einstellung an die Aufgabe, ihre Meinung zu verbreiten, als handele es sich bei ihrer Meinungsäußerung um quasi wissenschaftliche Fakten, die manche der dummen Menschen an den Endgeräten nur nicht in der Lage seien zu verstehen. Da das Deutschlandfunkpublikum sich wohl eher aus den gut situierten Schichten der Bevölkerung zusammensetzt, die mit der Arbeitslosigkeitsverwaltung nicht in Berührung kommen dürften, konnte sie etwa dozieren, dass das Menschenbild von Hartz IV das richtige sei. Dieses Menschenbild besagt, dass Menschen Sozialhilfebetrug begingen – Florida Rolf für Bildungsbürger. Dass auch gebildete Menschen dieses Menschenbild ablehnen könnten, kommt bei solchen liberal-konservativen Kommentaren gar nicht in Betracht. Vom Publikum wird vielmehr angenommen, dass es implizit derselben Meinung sei. Mit dem von Arbeitslosigkeit bedrohten Pack hat man als durchschnittlicher Deutschlandfunkkonsument eh nichts zu tun.

Ein Großteil des Pöbels, der seine Informationen aus Bildzeitung und Glotze bezieht, wählt ohnehin schon seit jeher konservativ, doch schwant den Leuten schon, dass es gar keine ernsthafte Alternative in wirtschaftspolitischer Hinsicht im etablierten Parteienspektrum gibt. Daher wird immer so viel Lärm um nichts gemacht, wie auch in diesem Fall der Partei-PR der SPD.

Kleine Ukrainechronologie

Bisweilen begegnet man Zeitgenossen, die die Welt für zu komplex halten, als dass geostrategische Erwägungen von Großmächten eine Rolle spielen könnten, wenn man es wagt, als Normalbürger bestimmte politische Ereignisse in die weltpolitische Großwetterlage einzuordnen. Dass die USA ein starkes Interesse daran zu haben scheinen, die Ukraine in ihrer Einflusssphäre zu halten, wie der kolportierte Ausruf „Fuck the EU“ der US-Diplomatin Victoria Nuland über die zögerliche Haltung Europas gegenüber der Demokratiebewegung dort, kann gar nichts mit einer US-Geostrategie zu tun haben. Und wenn man anführt, dass schließlich einer der prominentesten Sicherheitsberater der us-amerikanischen Außenpolitik Zbigniew Brzezinski schon 1997 auf die zentrale strategische Bedeutung der Ukraine für die Geostrategie der USA verwies, dann ist man natürlich letzten Endes nichts weiter als ein Verschwörungsirrer. „Kleine Ukrainechronologie“ weiterlesen

Religiöse Momente der Arbeit

Die Ähnlichkeiten von Arbeit und Religion sind teilweise frappierend. So scheinen Arbeit und Gottesdienst gar nicht weit auseinanderzuliegen. Wer nicht zum Dienst erscheint, ist gewissermaßen von der Gesellschaft exkommuniziert, geächtet und sieht sich den Schikanen der Arbeitsinquisition ausgesetzt, die bei uns in Schland „Jobcenter“ genannt wird. Ketzerei gegen die angeblich so heilsame sozialpsychologische Wirkung, Befehle zu empfangen und pflichtgemäß auszuführen – eine zentrale Botschaft der Arbeitsreligion, wird ziemlich gnadenlos bestraft. Bisweilen müssen sogar Exorzisten sich daran setzen, Menschen den Faulheitsteufel wieder auszutreiben; Arbeitspsycholog*in nennen sie sich im Kontext der Arbeitsreligion und werden auf besonders renitente Arbeitslose angesetzt. „Religiöse Momente der Arbeit“ weiterlesen

Marxismus und die kleinbürgerliche Wirklichkeit

Immer wieder versetzt es mich in Erstaunen mit welcher Hartnäckigkeit sich marxistische Dogmen in manchen Köpfen halten. Ein gutes Beispiel ist der Artikel eines Herrn Battisti über die gilets jaunes in Frankreich, der zwar im marxistischen Jargon ganz gut beschreibt, wie sich die gilets jaunes soziologisch zusammensetzen, aber daraus seltsame Schlüsse zieht. Er verneint, dass auf diese Bewegung noch linke Hegemonie ausgeübt werden könne, weil mit ihrer Entstehung diese Möglichkeit bereits ausgeschlossen gewesen sei. Vielmehr hätten die Gewerkschaften ihre Proteste in derselben Art ausweiten müssen, wie es die gilets jaunes nun tun bzw. getan haben mit Straßenblockaden usw., um das Kleinbürgertum mitzuziehen. Nunmehr sei es umgekehrt: Das Kleinbürgertum zöge das Proletariat mit, was nach Battistis Vorstellungen vom Gang der Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen nicht vorgesehen zu sein scheint. Von linker Seite bleibt daher laut Battisti nur noch zu hoffen, dass die faschistischen Kräfte sich nicht innerhalb der Bewegung durchsetzen. „Marxismus und die kleinbürgerliche Wirklichkeit“ weiterlesen

Zu den Reaktionen auf die „Gilets Jaunes“

Die Meinungen über die Sozialproteste in unserem westlichen Nachbarland divergieren sehr stark. Während die Zapatistas in Mexiko einen Vergleich zu ihrer Rebellion vor nunmehr bald 25 Jahren ziehen, in den protestierenden Franzosen die Menschen erblicken, die nichts sind in diesem kapitalistischen System und wie die Zapatistas ihre Würde zurückerlangen wollen, sehen telepolis-Schreiberlinge wie Nowak zu viele Rechte unter den Protestierenden. Jedenfalls suchte er sich Quellen, die in den Gelbwesten hauptsächlich kleinbürgerlich rechtes Pack zu erkennen glauben, um dann der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass die Rechten die zu hohen Mieten in den Städten noch nicht für sich entdeckt hätten, so dass eine von Rechten freie Protestbewegung gegen Mietwucher entstehen könnte. Wie man Leute mit rechter Gesinnung, die von überhöhten Mieten betroffen sind, davon abhalten will, sich an eventuellen Demostrationen zu beteiligen, verrät Nowak seiner Leserschaft jedoch nicht. „Zu den Reaktionen auf die „Gilets Jaunes““ weiterlesen

Über eine Kritik am deutschen Schulsystem

Letztens las ich einen Artikel beim Rubikon-Magazin über das deutsche Schulsystem. Im Untertitel heißt es gar, der Autor rechne mit dem Schulsystem ab. Leider rechnet er in der Art der OECD und ähnlicher internationaler Institutionen der real-existierenden Marktwirtschaft ab, die diesen Beitrag zu einem der schwächeren des Rubikon-Magazins werden lassen:

Wir können uns es nicht leisten, unser wichtigstes Potenzial noch länger so maßlos zu zerstören: die Kreativität, Entdeckerfreude, Begeisterung und die Lust am Lernen unserer Kinder. In der Schule werden ihnen diese Anlagen genommen. Im Austausch dafür erhalten sie einen Schulabschluss.

Zu fragen wäre bei obigem Zitat, wer mit dem „Wir“ angesprochen werden soll, das sich ein wie gewohnt weiter laufendes Schulsystem nicht mehr leisten könne. Der Verdacht liegt nahe, dass mit „Wir“ die deutsche Wirtschaft gemeint ist. Der direkt anschließende Abschnitt liest sich dann so:

Doch auch weltweit erhalten und nutzen immer mehr Menschen die Chance auf einen Schulabschluss, vor allem in Asien. In naher Zukunft wird der Punkt kommen, ab dem Abschlüsse nichts mehr wert sind. Was jeder dann benötigt, um einen Job zu bekommen und im Arbeitsleben erfolgreich zu sein, sind Kreativität und Motivation, die einem in der Schule abtrainiert werden (1).

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