Religiöse Momente der Arbeit

Die Ähnlichkeiten von Arbeit und Religion sind teilweise frappierend. So scheinen Arbeit und Gottesdienst gar nicht weit auseinanderzuliegen. Wer nicht zum Dienst erscheint, ist gewissermaßen von der Gesellschaft exkommuniziert, geächtet und sieht sich den Schikanen der Arbeitsinquisition ausgesetzt, die bei uns in Schland „Jobcenter“ genannt wird. Ketzerei gegen die angeblich so heilsame sozialpsychologische Wirkung, Befehle zu empfangen und pflichtgemäß auszuführen – eine zentrale Botschaft der Arbeitsreligion, wird ziemlich gnadenlos bestraft. Bisweilen müssen sogar Exorzisten sich daran setzen, Menschen den Faulheitsteufel wieder auszutreiben; Arbeitspsycholog*in nennen sie sich im Kontext der Arbeitsreligion und werden auf besonders renitente Arbeitslose angesetzt.

Die Doppelmoral darf freilich im christlichen Abendland nicht fehlen, die sich in Sätzen über eine bezahlte Tätigkeit äußert wie: „Hauptsache, die Zeit geht ‚rum.“ Kaum jemand aus dem Kreise der arbeitenden Bevölkerung würde daran Anstoß nehmen. Fragte man aber andersrum, ob sie ihren Job nicht gerne machen würden, würden sich die meisten womöglich begeistert von ihrem Beruf zeigen. Spaß müsse die bezahlte Tätigkeit schon machen, sonst wäre es Quälerei, hört man oft ergänzend. In Bewerbungsgesprächen ist es ohnehin angezeigt, Feuer und Flamme für die Herausforderungen zu sein, die der neue Job mit sich bringen wird. Ob diese Voraussetzung für einen Job erfüllt sein muss, ist mehr als zweifelhaft. So ergab eine Umfrage im vergangenen Jahr, dass auszubildende Verwaltungsfachwirt*innen von allen Azubis in Deutschland die zufriedensten sind. Vielleicht ist es oft eher umgekehrt. Je weniger erwartet werden kann, dass man sich für einen Job begeistern müsse, umso unverkrampfter kann man ins Bewerbungsgespräch gehen und auch später die Befehle befolgen.

Festivitäten gehören selbstverständlich auch zu Religionen und man wird schwerlich bestreiten können, dass sich die Arbeitsreligion längst des Weihnachtsfestes bemächtigt hat. In seinem Vorfeld fällt die meiste Arbeit an, weil Geschenke auf den Weg gebracht werden müssen. Für viele Branchen wird der Hauptumsatz in dieser Zeit erzielt, so dass man mit Fug und Recht vom Tag des Einzelhandels und seiner Zulieferer gesprochen werden kann. Den religiösen Verrichtungen wird in dieser Zeit des Jahres also mit besonderer Inbrunst in Form äußerst hektischer Betriebsamkeit nachgegangen. Indessen verwundert es kaum, dass die Übergänge zwischen Christentum und heutiger Arbeitsreligiösität mitunter fließend sind. Es reicht im Grunde an die Benediktinerregel zu erinnern. Die Liste ließe sich weiter fortführen, was die Parallelen von Religion und Arbeit angeht, und wer noch ein paar Ideen hat, kann sie gern als Kommentar anhängen. Ich will diese Übung zunächst einmal hier abbrechen, um noch auf etwas anderes hinzuweisen.

Das Verhältnis der Menschen im fortgeschrittenen Kapitalismus zur Arbeit scheint reichlich von Widersprüchlichkeiten durchzogen zu sein. Dadurch wird die nüchterne Betrachtung der Arbeit deutlich erschwert. Man könnte Arbeit, was sie nach ihrem etymologischen Ursprung nach wohl auch bezeichnet, als notwendige Qual betrachten, die zur Versorgung mit den wichtigsten Gütern und Diensten notwendig ist. Dass hierzu alle nach ihren Möglichkeiten ihren Beitrag leisten sollten, wäre völlig in Ordnung. Doch meist wird vergessen, dass viele heute bezahlte Tätigkeiten nicht nötig oder gar schädlich sind. Daher ließe sich die Arbeitszeit aller Wahrscheinlichkeit nach schon jetzt ziemlich dramatisch verkürzen.

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