Marxismus und die kleinbürgerliche Wirklichkeit

Immer wieder versetzt es mich in Erstaunen mit welcher Hartnäckigkeit sich marxistische Dogmen in manchen Köpfen halten. Ein gutes Beispiel ist der Artikel eines Herrn Battisti über die gilets jaunes in Frankreich, der zwar im marxistischen Jargon ganz gut beschreibt, wie sich die gilets jaunes soziologisch zusammensetzen, aber daraus seltsame Schlüsse zieht. Er verneint, dass auf diese Bewegung noch linke Hegemonie ausgeübt werden könne, weil mit ihrer Entstehung diese Möglichkeit bereits ausgeschlossen gewesen sei. Vielmehr hätten die Gewerkschaften ihre Proteste in derselben Art ausweiten müssen, wie es die gilets jaunes nun tun bzw. getan haben mit Straßenblockaden usw., um das Kleinbürgertum mitzuziehen. Nunmehr sei es umgekehrt: Das Kleinbürgertum zöge das Proletariat mit, was nach Battistis Vorstellungen vom Gang der Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen nicht vorgesehen zu sein scheint. Von linker Seite bleibt daher laut Battisti nur noch zu hoffen, dass die faschistischen Kräfte sich nicht innerhalb der Bewegung durchsetzen.

Wenn es denn eine starke Arbeiterbewegung in Frankreich gäbe, müsste sie wohl kaum darauf warten, dass die Führungskräfte der Gewerkschaften ihr genehmigen, dass sie von nun an die Proteste ausweiten und das Land lahmlegen dürfe. Eine ausreichend starke Arbeiterbewegung könnte einfach zur Tat schreiten. Da die meisten Französinnen und Franzosen vor allem auf dem Land, wo die gilets jaunes anfingen, in kleinen Betrieben arbeiten, fehlt es allein schon zahlenmäßig an Industrieproletariat. Diesen banalen Sachverhalt anzuerkennen, misslingt vielen dogmatisch verbauten Marxistenhirnen anscheinend. Selbst wenn man davon ausgeht, dass aus irgendeinem Grund ausgerechnet Industriearbeiter eine besondere Neigung zu emanzipatorischen Kämpfen hätten, müsste ihre geringe Zahl im Vergleich zur übrigen arbeitenden Bevölkerung dazu Anlass geben, eine darauf basierende Revolutionstheorie nochmals zu überdenken.

Wo ist denn das Problem, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass nicht alle Prophezeihungen von Marx und Engels eingetroffen sind? Das kleiner gewordene Industrieproletariat ist Folge der wirtschaftlichen Entwicklung seit den 1970er Jahren, d.h., die gilets jaunes wehren sich nicht etwa dagegen, wie es bei Battisti klingt, selbst zu Proletariern zu werden, sie wehren sich gegen ihre immer schlechtere wirtschaftliche Lage, für die sie die Regierung verantwortlich machen. Womöglich wäre vielen sog. Kleinbürgern ein sicherer Job in einem Großkonzern sogar lieber als ihre kleine Klitsche, mit der sie so gerade über die Runden kommen. Wer so dogmatisch an das Klassenkampfparadigma glaubt, kann die gesellschaftliche Wirklichkeit immer nur im Zerrspiegel einer im Grunde überholten Theorie wahrnehmen. Nimmt man die identitätspolitische Linke mit hinzu, die ihrerseits nicht zu verstehen scheint, dass in jeder Massenerhebung auch Wirrköpfe herumlaufen, deren Ressentiments man nicht teilt, sieht man recht deutlich, worin die hausgemachten Schwächen der politischen Linken derzeit bestehen.

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