Zu den Reaktionen auf die „Gilets Jaunes“

Die Meinungen über die Sozialproteste in unserem westlichen Nachbarland divergieren sehr stark. Während die Zapatistas in Mexiko einen Vergleich zu ihrer Rebellion vor nunmehr bald 25 Jahren ziehen, in den protestierenden Franzosen die Menschen erblicken, die nichts sind in diesem kapitalistischen System und wie die Zapatistas ihre Würde zurückerlangen wollen, sehen telepolis-Schreiberlinge wie Nowak zu viele Rechte unter den Protestierenden. Jedenfalls suchte er sich Quellen, die in den Gelbwesten hauptsächlich kleinbürgerlich rechtes Pack zu erkennen glauben, um dann der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass die Rechten die zu hohen Mieten in den Städten noch nicht für sich entdeckt hätten, so dass eine von Rechten freie Protestbewegung gegen Mietwucher entstehen könnte. Wie man Leute mit rechter Gesinnung, die von überhöhten Mieten betroffen sind, davon abhalten will, sich an eventuellen Demostrationen zu beteiligen, verrät Nowak seiner Leserschaft jedoch nicht.

Die Berichte der anarchistischen Alternative Libertaire lesen sich hingegen etwas differenzierter. Die anarchistischen Aktivisten berichten vor allem von Menschen, die nie zuvor in ihrem Leben politisch aktiv gewesen sind, denen aber jüngst der Kragen ob des Verhaltens der Regierung Macron geplatzt ist. Sie verschweigen nicht, dass auch einige Rechte auf den Demos zu sehen waren, die in Paris etwa die Marseillaise anstimmten, die dann die Menge mitsang. Ansonsten blieben die Faschos in Paris unter sich. Wer des Französischen mächtig ist, sollte sich die Berichte zu Gemüte führen, die aus ganz verschiedenen Orten Frankreichs stammen. Der Anteil der Rechten mag von Ort zu Ort variiert haben, doch scheint der Eindruck der Anarchisten vorwiegend zu sein, dass es sich um soziale Proteste handelt, die in der Mehrzahl von eher unpolitischen Menschen getragen werden.

Tja, da erhebt sich das französische Volk, gar das „Ultravolk“, ohne dass die Linke es angeleitet hätte. Das mag so manchem sozialrevolutionären Gewerkschaftsfunktionär nicht schmecken, wie dem, den Nowak zitiert. Nun aber den Rechten die Gelegenheit zu überlassen, die Proteste für sich zu vereinnahmen, weil man als Linker auf der Straße mit Rechten gesehen werden könnte oder so ähnlich, erscheint mir doch reichlich kurzsichtig. Aber wie beschrieben sehen dies nicht alle im linken Spektrum Frankreichs so, wobei zu hoffen bleibt, dass es gelingt, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, ohne dass sie sich belehrt fühlen. Vielleicht brächte es was den zapatistischen Text dort unter die Leute zu bringen, aber das kann ich hier in Schland nun wirklich nicht beurteilen…

Edit: Irgendwie hat sich bei mir das frz. Wort für Weste mit „j“ festgesetzt.

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