Über eine Kritik am deutschen Schulsystem

Letztens las ich einen Artikel beim Rubikon-Magazin über das deutsche Schulsystem. Im Untertitel heißt es gar, der Autor rechne mit dem Schulsystem ab. Leider rechnet er in der Art der OECD und ähnlicher internationaler Institutionen der real-existierenden Marktwirtschaft ab, die diesen Beitrag zu einem der schwächeren des Rubikon-Magazins werden lassen:

Wir können uns es nicht leisten, unser wichtigstes Potenzial noch länger so maßlos zu zerstören: die Kreativität, Entdeckerfreude, Begeisterung und die Lust am Lernen unserer Kinder. In der Schule werden ihnen diese Anlagen genommen. Im Austausch dafür erhalten sie einen Schulabschluss.

Zu fragen wäre bei obigem Zitat, wer mit dem „Wir“ angesprochen werden soll, das sich ein wie gewohnt weiter laufendes Schulsystem nicht mehr leisten könne. Der Verdacht liegt nahe, dass mit „Wir“ die deutsche Wirtschaft gemeint ist. Der direkt anschließende Abschnitt liest sich dann so:

Doch auch weltweit erhalten und nutzen immer mehr Menschen die Chance auf einen Schulabschluss, vor allem in Asien. In naher Zukunft wird der Punkt kommen, ab dem Abschlüsse nichts mehr wert sind. Was jeder dann benötigt, um einen Job zu bekommen und im Arbeitsleben erfolgreich zu sein, sind Kreativität und Motivation, die einem in der Schule abtrainiert werden (1).


Sogleich wird also der Verdacht bestätigt, dass es um die Verwertbarkeit des Humankapitals geht, das eben jene abtrainierte Kreativität benötige, um am Arbeitsmarkt der Zukunft bestehen zu können. Die Fußnote verweist auf eine Pressemitteilung von IBM, wonach laut einer IBM-Studie die meisten heutigen CEOs von großen Unternehmen Kreativiät als wichtigste Führungskompetenz für kommende Führungskräfte sehen. Als Grund dafür wird angegeben, dass die zunehmende Komplexität durch größere Datenverfügbarkeit, Kundennähe und Vernetztheit der Welt neue Gewinnmaximierungsstrategien nötig mache. Wie man daraus auf den Arbeitsmarkt im Allgemeinen schließen kann, ist mir ein Rätsel. Hier zeigt sich aber vor allem wie tief neoliberale Denkmuster in die Hirne der Menschen eingedrungen zu sein scheinen. Wer eine Verbesserung wünscht, meint geradezu reflexhaft, diese mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten begründen zu müssen.

Erwartbar kommt im weiteren Verlauf das Beispiel Finnland zur Sprache. Nach allem, was über das finnische Bildungssystem in den Medien verlautbart wurde, scheint es in der Tat sehr viele Aspekte zu geben, die ganz ohne wirtschaftliche Erwägungen nachahmenswert wären. Sogar im Kapitalismus bzw. in der freien Marktwirtschaft – so würde ich argumentieren – kann man ein wesentlich besseres Bildungssystem aufbauen als das deutsche trotz Globalisierung etc.. Das „Wir“ vom ersten Zitat scheint nicht davon überzeugt zu sein, dass der Handlungsbedarf tatsächlich so groß ist, wie dargestellt. Dieses „Wir“ leistet sich sogar Verschlimmbesserungen mit halbherzigen Bildungsreformen meist auf Betreiben der Grünen. Hätte es ein ernsthaftes Interesse daran, wirksame Reformen einzuleiten, wären sie längst in die Wege geleitet. Die PISA-Diskussion gibt es schließlich nicht erst seit gestern, ist beinahe schon ein alter Hut.

Die im Artikel monierte Konformität mit der uns umgebenden kapitalistischen Gesellschaftsstruktur dürfte in der Tat nach wie vor die entscheidende Aufgabe des Systems Schule sein, denn für die meisten bezahlten Tätigkeiten dürfte die mit Kreativität oft einhergehende Verspieltheit eher ein Hindernis sein. Es ist eher davon auszugehen, dass unser Schulsystem der Wirtschaft ziemlich gute Dienste leistet, indem es die deutschen Michel hervorbringt, die sich von „ihrer“ Wirtschaft nach und nach alle sozialen Errungenschaften der Nachkriegszeit nehmen lassen. Leitete man die jungen Menschen in ihrer Mehrzahl an den Schulen zu kritischem Denken an, ginge das womöglich nicht ganz so einfach.

Die Handvoll an kreativen Köpfen, die die Wirtschaft aus Gewinnmaximierungsgründen braucht, schaffen es schon durch den Filter unseres Schulsystems. Die meisten Künstler unseres Landes dürften keine fürstlichen Honorare einstreichen, kämen ohne staatliche Unterstützung höchstwahrscheinlich kaum über die Runden. Wenn die IBM-Studie wirklich die künstlerische Kreativität im Sinn hätte, müssten gerade reihenweise Künstler in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft gesucht sein. Das klingt jedoch so absurd, dass die Medien darüber berichten würden. Vielmehr muss jede Verbesserung in einem humanistischen Sinn der freien Marktwirtschaft abgetrotzt werden, auch wenn die Finnen einst aus volkswirtschaftlichen Gründen ihr Bildungssystem reformiert haben mögen. Welches Interesse soll denn das Bürgertum daran haben, dass ihre Brut keinen Startvorteil gegenüber den „bildungsfernen Schichten“ hat?

Fazit


„Wir“ können uns sehr wohl leisten, die Potenziale unseres Nachwuchses weitgehend zu zerstören, weil diese Potenziale in der real-existierenden Marktwirtschaft keineswegs gebraucht werden.

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