Für einen entspannteren Umgang mit unterschiedlichen linken Theorieansätzen

Wer meint, dass der Kapitalismus nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen sein kann, kann zu diesem Ergebnis mit oder ohne die Arbeitswerttheorie kommen. Jüngst lauschte ich einem marxistisch orientierten Ökonomen irgendwo in den Weiten des Netzes, dem letztlich das Etikett marxistisch ziemlich egal zu sein schien, solange wichtige Aussagen über die uns durchherrschende Wirtschaftsform gewonnen werden können. Ganz allgemein, dürfte es leichter fallen, etwas zu überwinden, wenn man sich dazu aufrafft, es zu verstehen. Mit dem Internet gibt es die Möglichkeit relevante Informationen zu geringen Kosten auszutauschen und die marginalisierten progressiven Menschen an der „theoretischen Front“, sollten sich das Leben nicht unnötig schwer machen. Mir kommt es eher so vor als pflegten manche Ökonomen einen marxistischen Jargon, um das, was sie aus Statistiken herausgefiltert haben, für ihre marxistischen Kollegen in der Universitätslandschaft lesbar zu machen. Die Rückübersetzung könnte aber auch nicht schaden.

Auf die Frage nach einem Messverfahren zu antworten, dass man schon annehmen könne, dass die Größen der Arbeitswerttheorie meßbar seien, wie im Kommentar bei meinem letzten Beitrag, scheint mir eher darauf hinzudeuten, dass die Empirie in marxistischen Kreisen gering geachtet wird. Seltsam daran ist bloß, dass immer wieder auf einen sehr quantitativ klingenden Jargon zurückgegriffen wird. Ein trotz Produktivitätszuwachs konstantes Wertprodukt z.B. legt nun einmal nahe, dass man dieses Produkt messen kann. Wenn es aber nicht messbar ist, weil die Daten so wahrscheinlich niemals vorliegen können, kann man bestenfalls die Vermutung aufstellen, dass das Wertprodukt konstant bleibe. Auf diese Weise bleiben marxschen Behauptungen zur Arbeitswertlehre aber im Kern unüberprüfbare Axiome, um nicht zu sagen Glaubensinhalte. Damit habe ich gar kein großes Problem, sofern man diese klar so kennzeichnet und nicht als wissenschaftliche Erkenntnis deklariert, die sich quasi von selbst erklärt.

Man bleibt so oder so darauf angewiesen, was an Daten aus der Welt der Wirtschaft in die Öffentlichkeit gelangt. Wie man diese Daten sinnvoll verarbeiten kann, um ein wenig besser die wirtschaftlichen Vorgänge zu begreifen, die wichtig sind, wäre meines Erachtens eine Aufgabe einer kritischen Wirtschaftswissenschaft. So wie die Wirtschaftsmeldungen in den Medien bruchstückhaft auf den Konsumenten einprasseln, bekommt man jedenfalls keinen Überblick von der Wirtschaft, der aber nötig wäre. Möglicherweise bedarf es sogar einer Art „Wirtschaftsdatenguerilla“, um an die wirklich relevanten Daten zu gelangen. Wie Unternehmen ihre Preise setzen, ist z.B. für die Öffentlichkeit nicht transparent, wäre aber interessant zu erfahren. Ich wage daran zu zweifeln, dass das Wertprodukt auch nur entfernt eine Rolle dabei spielt.

2 Gedanken zu „Für einen entspannteren Umgang mit unterschiedlichen linken Theorieansätzen“

  1. Paul Jorion, Anthropologe and der Uni Lille und ehem experte für „pricing policy“ an der Wall Street hat ein Buch über Preise geschrieben, das aber leider nur auf Französisch zu finden ist (was ich leider nicht kann). In Auszügen kann man das aber auf seinem Blog und seinen Vorträgen hier geniessen:
    https://www.pauljorion.com/blog_en/2010/10/05/and-then-paul-jorion-created-a-theory-of-prices/

    https://www.pauljorion.com/blog_en/2014/01/16/vub-stewardship-of-finance-8th-lecture-aristole-profit-ethics-and-price-formation-december-2-2013/

    Nur soviel: er widerspricht der gängigen Erzählung von Angebot und Nachfrage und sieht Preise als Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse in der neben Angebot und Nachfrage sich vor allem Machtbeziehungen ausdrücken. Es bezieht sich dabei eher auf eigene Forschung und aristoteles als auf Marx.

  2. Besten dank für den Hinweis, da ich Französisch kann, könnte ich mir vorstellen, das mal zu besorgen. Hatte eh vor mal etwas von Jorion zu lesen. Irgendwo las ich von Marxisten, dass Jorion nicht links genug ist, weil er die Arbeitswerttheorie nicht vertritt.

    Karl-Heinz Brodbeck hat übrigens einen >800 Seiten Wälzer „Die Herrschaft des Geldes“ geschrieben und bezieht sich dabei auch auf Aristoteles, um den Eigentümlichkeiten des Geldes auf die Spur zu kommen. Dabei geht er auf alle möglichen Schulen der Ökonomie inklusive Neoklassik und Marx ein. Möglicherweise gibt es da sogar Überschneidungen…

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