Zur Evidenz marxistischer Grundannahmen

Marxistisch bzw. marxianisch (*) gefärbte Beiträge treffen oft Voraussetzungen, die allem Anschein nach für vollkommen evident gehalten werden. So heißt es in Susan Bonaths Artikel einleitend, dass die Baumwollpflückerin und die Näherin, die einzigen seien, die einem – sagen wir – Baumwollhemd neuen Mehrwert zufügten. Handel, Transport, Finanzwesen usw. trügen nicht zum „Realprofit“ bzw. „neuen Mehrwehrt“ bei. Nur im Produktionsprozess kann dieser Doktrin zufolge neuer Mehrwert entstehen. In zahlreichen Variationen lässt sich dieses Credo der marxianischen Arbeitswertlehreadeptinnen seit eineinhalb Jahrhunderten lesen. Dass seither aber – soweit ich das bisher überblicken konnte – ziemlich unklar geblieben ist, wie jener „Realprofit“ zu messen wäre, lässt sich nur schwer abstreiten. Die Marx-Interpretationen gehen darüber nämlich sehr weit auseinander. Dennoch ist die freundlichere Entgegnung auf solchen Marx-Frevel oft der des verkürzten Marxverständnisses, wird man nicht gleich der kapitalistischen Spitzelei bezichtigt. Da ich tatsächlich mehr an Verständigung als an Polemiken interessiert bin, versuche ich hiermit mein Marxverständis zu „verlängern“.

Angenommen ein erweitertes Verständnis liefe in etwa auf folgendes hinaus: Die Arbeitswertlehre dient in der marxschen Theorie vornehmlich dem Zweck die Arbeiterklasse auf das soziale Verhältnis zwischen Kapitalist und Arbeiter aufmerksam zu machen, ihnen womöglich einen gewissen Stolz zu vermitteln, die eigentlichen Produzenten zu sein. Fragen nach meßbaren Größen wären demnach zweitrangig. Dennoch frag‘ ich mich, ob das Verhältnis nicht auch ohne Rückgriff auf die Arbeitswertlehre dargestellt werden könnte, ohne an Aussagekraft einzubüßen. Man braucht doch auch keinen theoretischen Umweg, um das Verhältnis von Sklave und Sklavenhalter darzustellen und abzulehnen. Auch die Genese des weltwirtschaftlichen Status quo kann meines Erachtens ohne Arbeitswertlehre erklärt werden, und wenn ihre Anhängerinnen meinen, sie füge zur Erklärung Wesentliches hinzu, dann interessiert mich ernsthaft, worin dieses Wesentliche besteht. Wie dem auch sei, sofern obige Annahme, was Marx mit seiner Version der Arbeitswertlehre im Sinn gehabt haben könnte, vertretbar ist, hat sie ihren Zweck bislang nicht erfüllt, die Arbeiterklasse zur Revolution zu animieren.

Daher verfestigte sich bei mir der Eindruck, dass in Ermangelung einer Arbeiterklasse mit ausgeprägtem (internationalen) Klassenbewusstsein sich die Marx-Gelehrsamkeit teilweise darauf versteift, den tendenziellen Fall der Profitrate (in Werteinheiten: Pr=m/(v+k); m für Mehrwert, k für konstantes Kapital, v für variables Kapital bzw. lebendige Produktionsarbeit) nachzuweisen. Der Vorteil einer Rate ist nämlich, dass sie keine Dimension hat. Daher läßt sich das Problem der Meßbarkeit von m, k und v umgehen, indem man mit meßbaren Größen arbeitet, die in Zähler und Nenner dieselbe Dimension aufweisen, damit sie sich bei der Quotientenbildung herauskürzen. Anscheinend verfahren marxistische Ökonominnen auch so, denn es ist durchaus möglich, dass gilt: Pr=m/(k+v)=x/y mit x und y als Meßgrößen für Rendite und Anlagekapital in Währungseinheiten. Meine frühere Kritik an Maitos Beitrag etwa wäre also insofern abzuändern, dass es zwar sein kann, dass seine errechneten Profitraten denjenigen in Werteinheiten entsprechen, der Nachweis dafür aber nicht geführt werden kann, weil Mehrwert, konstantes und variables Kapital nicht empirisch bestimmbar sind. Wer anderer Ansicht ist, möge mir ein Messverfahren vorstellen.

Der Zustand der ökonomischen Wissenschaft, wie sie an handelsüblichen Universitäten gelehrt wird, ist im Grunde so verkommen, dass marxistische Ansätze im Vergleich richtig gut aussehen. Dennoch sind die Schwierigkeiten der Arbeitswertlehre augenfällig genug, um an ihrer Validität gehörige Zweifel anzumelden. Ist es wirklich sinnvoll, eine anfechtbare Theorie als evidente Wahrheit auszugeben? Verfällt man damit nicht einem Dogma, was man der Neoklassik – nicht zu Unrecht – vorwirft? Vielleicht finden sich eines Tages mal ein paar Leute, mit denen man wirklich über diese Themen diskutieren kann.

(*) Marxianisch meint, dass man eher dem Originalwerk Marxens folgt als späteren Autoren, die sich von Marx inspirieren ließen. Die Arbeitswertlehre oder -theorie steckt aber im Originalwerk drin und kann sowohl von Marxisten als auch von mehr oder weniger Werktreuen vertreten werden.

2 Gedanken zu „Zur Evidenz marxistischer Grundannahmen“

  1. Man kann natürlich die kapitalistische Gesellschaft einfach als „Ausbeutungsgesellschaft“ darstellen. So wie halt in der Antike das Mehrprodukt von den Sklaven produziert wurde, wird es im Kapitalismus von den Lohnarbeitern geschaffen.

    Was man aber verliert, wenn man die Werttheorie über Bord wirft, ist die Dynamik des Kapitalismus, und schlussendlich jede Erklärung von Krisen. Dem Kapitalismus geht es, anders als dem Feudalismus oder dem Sklavenhalterstaat, nicht um eine Aneignung eines Mehrprodukts (in Gebrauchswerten), um die Luxuskonsumtion der herrschenden Klasse zu sichern. Es geht ihm um die Produktion von Wert, d.h., von abstraktem Reichtum. Darin liegt 1., dass die Produktion im Kapitalismus Selbstzweck und der Tendenz nach schrankenlos ist, da sie nicht ans Konsumtionsvermögen einer bestimmten Schicht gebunden ist; 2. eine Dynamik der Beschleunigung und Expansion, weil mit jedem Fortschritt der Arbeitsproduktivität zwar die Masse an Gebrauchswerten steigt (den Sklavenhalter hätte das gefreut), der Wert der in einer Arbeitsstunde produzierten Waren aber konstant bleibt (aller Produktivkraftfortschritt erhöht also, nachdem er sich verallgemeinert hat, das Wertprodukt für den Kapitalisten nicht). Eine gute Diskussion dieses Aspekts der Dynamik und der Bedeutung der „Arbeitswerttheorie“ findet sich übrigens bei Moishe Postone, „Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft“. Dicker Schmöker, aber hatte bei mir einige Fragen geklärt.

    Die Sache mit der Profitrate ist unter Marxisten ja umstritten. Nicht, ob es eine solche gäbe oder nicht, und ob eine solche wenigstens ansatzweise empirisch messbar wäre (die m.E. beste Arbeit dazu: Andrew Kliman, The failure of capitalist production). Das kann man schon beides annehmen. Sondern umstritten die Frage, ob die Profitrate tatsächlich „tendenziell sinkt“, und ob daraus tatsächlich eine Krise ableitbar ist.

    1. Meine Kritik der Arbeitswerttheorie richtet sich aber präzise darauf, dass es – soweit ich das überblicken konnte – kein befriedigendes Messverfahren gibt, das nicht in einer Zirkularität mündet, d.h. von Preisen zu Werten und wieder zurück. Nur ein solches würde erlauben zu entscheiden, ob denn der tendenzielle Profitratenfall, der sozusagen „traditionell“ in Werteinheiten errechnet wird, eintritt oder nicht. Dessen ungeachtet, liefern selbst hypothetische Modellrechnungen logisch unbefriedigende Ergebnisse, wie Marx im 3. Band des Kapitals selbst zugab… Gibt Postone denn an, wie sich das „Wertprodukt“ errechnet?

      Was die Dynamik des Kapitalismus angeht, so scheinen mir Konkurrenz von Unternehmen, historisch die Tendenz zur Geldverwendung in immer mehr Schichten der Gesellschaft ab dem 16. oder 17. Jahrhundert (je nach geographischer Lage) sowie Kriege und das Aufkommen des Bankwesens nicht zuletzt zur Kriegsfinanzierung (Kanonen sind teuer), die Notwendigkeit zur Verwaltung Menschen (Bürgerliche) aus dem dritten Stand rekrutieren zu müssen, ineinander verwobene Faktoren zu sein, die komplett ohne Arbeitswert auskommen können, aus denen sich die kapitalistische Beschleunigung erklären lassen könnte. Mir fielen ohne Schwierigkeiten weitere ein.

      Zu Moishe Postones Kernaussagen, die er in seinen letzten Vorträgen von sich gab, hab‘ ich ansonsten hier im Blog auch schon das ein oder andere bemerkt. Auch er ist in der marxistischen Szene nicht unumstritten, wobei ich gestehen muss, dass ich mir sein Hauptwerk nicht zu Gemüte geführt habe. Der Unterschied zu Robert Kurz & Co. schien mir nicht allzu groß zu sein, für den der Kapitalismus bereits in den 1990er Jahren „herztot“ war. Postone wurde von der europäischen Wertkritik jedenfalls abgefeiert wie sonstwas, wenn ich mich recht entsinne.

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