Pseudonobel

Die Verleihung des „Nobelpreises“ für Wirtschaftswissenschaften geisterte gerade durch die Medien. Immerhin machte der Deutschlandfunk darauf aufmerksam, dass es ein Preis der schwedischen Reichsbank ist, der Ende der 1960er Jahre ins Leben gerufen wurde. Nicht jedes Medienerzeugnis liefert diese Zusatzinformation, wie ein Blick in die Lokalpresse mir heute morgen verriet. Wieder einmal wurden zwei Vertreter einer Wissenschaft, deren Wissenschaftsstatus als äußerst zweifelhaft zu gelten hätte, aller Wahrscheinlickeit nach für ihren Griff in den mathematischen Modellbaukasten der Neoklassik geehrt. Dem Schreiberling der Lokalpresse gelten diese Modellrechnungen allen Ernstes als wissenschaftliche Erkenntnis. Nordhaus hat wohl zeigen können, dass der Klimawandel sich ohne dramatische wirtschaftliche Einbussen bewältigen lassen könnte, wenn nicht Lobbygruppen dem entgegenstünden. Der zweite Vertreter – Romer – basteltete eine raffiniertere Wachstumstheorie, die Wachstum nicht bloß als eine von außen vorgegebene Größe betrachtet, sondern modellendogen aus den Investitionsentscheidungen der Firmen zu erklären sucht. Romer ist ein Beispiel für einen aus einer anderen Wissenschaft – der Mathematik – gewechselten Ökonomen, der seine vergleichsweise bessere mathematische Ausbildung in einen gut dotierten Ökonomieprofessorenposten ummünzen konnte.

Offenkundig gelang der Ökonomenzunft das Renommée der echten Nobelpreise so weitgehend für sich zu beanspruchen, dass es dem journalistischen Mainstream schwer fällt sie einzuordnen. Dass etwa die Wachstumsdynamik des Kapitalismus mit den konkurrenzvermittelten Investitionen der Unternehmen in Produktionsmittel zusammenhängt, dürften schließlich nicht nur marxistische Ökonomen mit einem „Ach?“ quittieren. Die Nobelpreise in den Naturwissenschaften hingegen werden bisweilen für Entdeckungen vergeben, die einen Nutzen für alle Menschen erkennen lassen. Romers Leistung dürfte darin bestanden haben, seine Grundüberlegung mathematisch virtuos in ein neoklassisches Modell eingebaut zu haben, weil mathematische Virtuosität eine der wichtigsten Qualifikationen in der akademischen Volkswirtschaftslehre ist. In dem mir vorliegenden düsseldorfer Käsblättchen liest man nun, Romers Beitrag sei so dermaßen revolutionär gewesen, dass er 1997 vom Time-Magazine zu einem der 25 einflussreichsten Menschen gezählt worden wäre. Dass der Journalist eine Time-Magazine-Rangfolge aus dem letzten Jahrtausend ausgraben musste, um irgendwie die Wichtigkeit Romers zu untermauern, belegt die überwältigende Irrelevanz der Wirtschaftswissenschaften für Otto Normalverbraucher.

Nobel hatte ganz Recht damit, den Wirtschaftswissenschaften keinen Preis zu spendieren, weil sie keine überprüfbaren Erkenntnisse liefern können. Experimentelle Verfahren sind für gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge wohl nur schwierig zu realisieren, so dass eine Überprüfung auf diesem Wege ausgeschlossen scheint. Der Physik in der Hinsicht zu folgen, dass man mit mathematischen Verfahren arbeitet, sichert womöglich die Reputation dieser pseudowissenschaftlichen Disziplin. Dies spricht nicht gegen den Einsatz von Mathematik per se, sondern nur dagegen ihre relative Unzugänglichkeit für Normalsterbliche auszunutzen, um die Unzulänglichkeiten der ganzen Disziplin damit zu eskamotieren.

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