Ist korrekte linke Politik ohne sofortige Weltrevolution denkbar?

Beim Blick auf so manche Publikation und manchen Kommentar im Internet gewinnt man den Eindruck, als sei es ein Ding der Unmöglichkeit, ohne sofortige Weltrevolution linke Politik machen zu können. So wird die Bewegung „aufstehen“, initiiert u.a. durch Sarah Wagenknecht als bekanntestes prominentes Gesicht, in diesem sozialistischen Artikel als nationalistisch und flüchtlingsfeindlich bezeichnet, um dann sozialistisch zu kontern:

Die einzige soziale Kraft, die diese Entwicklung bekämpfen und die Rechten stoppen kann, ist die internationale Arbeiterklasse.

Die internationale Arbeiterklasse wird also beschworen und zu Klassenkämpfen auf dem europäischen Kontinent aufgerufen.
Steht dieser Aufruf tatsächlich im Widerspruch zu den Forderungen von „aufstehen“, die im nationalen Rahmen durchgesetzt werden könnten? Ist alles, was im nationalen Rahmen an Verbesserungen für die Mehrheit der Bevölkerung durchgesetzt werden könnte mithin nationalistisch?

Damit ist die Frage nach der Resonanz eines solchen Aufrufs noch gar nicht gestellt. Mir kommt es jedenfalls nicht so vor, als seien wir kurz vor der Weltrevolution. Die politische Großwetterlage weist eher reaktionäre und rechte Tendenzen auf, die auch von Teilen der Arbeiterklasse mit getragen werden dürften. Oder wie sollten die Erfolge der neuen nationalistischen Parteien in Europa und anderswo erklärt werden können? Dass es auch reaktionäre und rechte Kräfte innerhalb des Bürgertums gibt, wird dadurch nicht in Zweifel gezogen. Ich erwähne dies, weil Werner Seppmann in seinem Beitrag große Mühe darauf verwendete zu beweisen, dass nicht nur Arbeiter reaktionär bzw. rechts seien. Allein, die Vorstellung manch revolutionären Geistes, dass die Arbeiterklasse per se progressiv sei, widerspricht der historischen Erfahrung. Das ist aber etwas ganz anderes, als zu behaupten, einzig die Arbeiter seien rechts bzw. reaktionär. Nur, aus der soziologischen Klassenlage lässt sich nicht die politische bzw. moralische Gesinnung ableiten.

Seppmann hat aber sicherlich recht, dass es auch eine geradezu „hypermoralische“ Linke gibt, die linke Identitätspolitik in den Vordergrund hebt. Eine moralisch weiße Veste behält in den Augen dieser linken Moralapostel*innen in den reichen Ländern anscheinend nur, wer sich mit Themen beschäftigt, die die Mehrheitsbevölkerung so gut wie gar nicht interessieren, und/oder Forderungen wie „No border, no nation“ stellt, bei denen an die Umsetzbarkeit eher im Zeitrahmen von Jahrhunderten gedacht werden könnte. Man mag den Traum einer grenzenlosen Weltgesellschaft hegen. Doch von jetzt auf gleich wird er nicht zu verwirklichen sein, und der Weg dahin wird womöglich über Regelungen zwischen Staaten sowie innerhalb derselben laufen. Weder ein Appell an die Arbeiterklasse noch zur Schau gestellte moralische Überlegenheit oft gepaart mit infantilen Verhaltensweisen wie Tortenwürfen o.ä. wird derzeit nennenswerte Teile der Bevölkerung nach links tendieren lassen. Dass es auch anders geht, zeigten meines Erachtens die Wahlkampagnen von z.B. Sanders und Corbyn, an denen die moralapostolische und die traditionssozialistische Linke im Stile von wsws.org mit Sicherheit etwas auszusetzen hat.

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