Zu den empirischen Befunden über „Perfektionismus“

Obgleich die Nachdenkseiten mit ihren Beschwerden ob des Werdegangs der SPD in den letzten zwei Jahrzehnten etwas weltfremd wirken, anstatt den Laden der Spezialdemokraten zu den liberal-konservativen Kräften zu zählen, lohnt immer mal wieder ein Blick auf ihre Webseite. So gruben sie jüngst einen Artikel aus, der zuerst im Jacobinmag erschien. Er handelt von einer sozialpsychologischen Studie von Thomas Curran und Andrew Hill, die mit einer weiten Definition des Begriffs Perfektionismus statistische Hinweise fanden, dass sich dieser seit der neoliberalen Restauration in den 1970ern ausgebreitet hat. Perfektionismus meint dabei
1. überzogene Erwartungen an sich selbst,
2. überzogene Erwartungen in Bezug auf andere,
3. und die gesellschaftlich vorgegebene Form, die mit der Wahrnehmung verbunden ist, dass alle nur darauf zu warten scheinen, jemanden aufgrund eines Fehlers für immer abzuschreiben, mithin eine Kultur der ständigen Bewertung und Rangfolgen.

Die dritte Dimension des Begriffs gilt Curran und Hill als die schädlichste. Sie ist sicherlich durch die marktwirtschaftliche Konkurrenz immer schon Teil der Marktgesellschaften gewesen, doch greift der Optimierungswahn erkennbar in der heutigen Zeit auf fast alle Bereiche der Gesellschaft über. Optimierung ist freilich kompatibel mit den Glaubenssätzen der neoliberalen Ideologie, um vorbereitet zu sein auf die unergründlichen Ratschlüsse des heiligen Marktgeistes und seiner spontanen Ordnung müssen alle sich ständig so effizient wie möglich verhalten. Daher kann es nicht verwundern, dass sich Menschen die nach 1989 geboren sind, dem Perfektionismus laut Curran und Hill stärker ausgesetzt sehen als früher geborene Menschen.

Day vom Jacobinmag setzt hinzu, dass die Kultur der Linken einen neoliberalen Einschlag bekommen hat. So sei dauerhaft tugendhafte Zurückhaltung gefordert, um nicht Gefahr zu laufen, einen Fauxpas zu begehen und von der Gruppe verurteilt und ausgeschlossen zu werden. Meiner Erfahrung nach muss man dauernd auf der Hut sein, niemandem auf die Füsse zu treten und damit seine Tugendhaftigkeit unter Beweis stellen. Der linke Perfektionismus stellt somit gewissermaßen die üblichen Rangfolgen auf den Kopf, gilt doch als besonders, wer möglichst vielen Unterdrückungsmechanismen der Mehrheitsgesellschaft ausgeliefert ist. Vielen in linken Kreisen geht dieser Trend inzwischen zwar auf die Nerven, doch setzt er sich in Verlautbarungen und größeren Diskussionsgruppen unvermindert fort und treibt Stilblüten. En vogue ist beispielsweise, den Asterisk „*“ bei „gegenderten“ Worten wie „Lehrer*innen“ durch eine Pause an der Stelle des Asterisks in die gesprochene Sprache zu übersetzen. So entsteht quasi ein Wettbewerb um die Perfektionierung der Rücksichtnahme im Rahmen der sog. Identitätspolitik.

Meine Interpretation der angesprochenen empirischen Funde wäre, dass die Erhebung des Marktes zu einer Art ultimativen Richter durch die neoliberale Ideologie die vermutlich der Marktwirtschaft ohnehin innewohnenden Tendenzen noch verstärkte. Ferner gelang es – wie erwähnt – die postmoderne linke Strömung nach 1968 teilweise neoliberal zu vereinnahmen. Irgendwie muss man einen Weg finden, um aus dieser gesellschaftlichen und ideologischen Umklammerung herauszukommen. Setzt sich dieser Trend jedoch weiter fort, wird links als politische Richtung zunehmend auf die bunten identitätspolitischen Kulturthemen reduziert werden. Das bedeutet nicht, dass man plötzlich einen unfreundlichen Tonfall annehmen muss. Im Gegenteil, Polemiken verhindern meines Erachtens oft die Verständigung, doch ein Wettbewerb der politischen Korrektheiten unterbindet sie womöglich genauso effektiv.

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