Über „Post-Keynesianismus“ und „Modern Money Theory“

Eine kleine Gruppe von akademisch tätigen Ökonomen, die zumindest versucht Makroökonomik als Wissenschaft (weiter) zu betreiben, sind die Post-Keynesianer. Sie treiben die wirtschaftswissenschaftliche Forschung nach eigenen Angaben im Sinne Keynes‘ voran und grenzen sich damit von jenen Anpassungen der Keynesschen Theorie an den neoklassischen Mainstream, wie sie in den Standardlehrbüchern für Studierende zu finden sind, ab. Was die Gruppe laut Chakravarty eint, ist Keynes‘ Annahme, dass es eine kausale Beziehung zwischen Investitionen und Sparen gibt, keine Identität von Sparen und Investitionen wie in der Neoklassik. Außerdem gehen sie davon aus, dass sich makroökonomische Vorgänge nicht strikt auf mikroökonomische reduzieren lassen. Das Ganze der Wirtschaft ist also mehr als seine Teile, wie ein Segelboot andere Schwimmeigenschaften aufweist als die in ihm verbauten Nägel.

Die nicht allzu zahlreichen Forscherinnen und Forscher dieser Richtung setzen selbstverständlich verschiedene Schwerpunkte. Steve Keen etwa ist in seinen Forschungen darauf aus, Hyman Minskys Diktum umzusetzen, dass ein Makromodell eine Krise simulieren können muss. Dabei bedient er sich eines Systems aus Differentialgleichungen, um damit die aggregierte Dynamik des Kapitalismus modellhaft zu erfassen, die eben auch Krisen umfassen muss. Luigi Pasinettis Werk konzentriert sich hingegen mehr auf die Produktionsseite des Kapitalismus, während die Modern Monetary Theory einen Blick auf die Rolle modernen Geldes wirft, der sich nach L. Randall Wray ergab, nachdem man empirisch die Funktionsweise der Zentralbanken in Industrieländern mit eigener Währung untersuchte.

Da die Modern Money Theory (MMT) für mich die überraschendsten Gedanken enthält, die zudem wohl Keens Modellierungen unterliegen, erlaube ich mir Wrays Aussagen über Geld aus dem oben verlinkten Vortrag zu übersetzen, die das Publikum für sich auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen sollte. Voraussetzung für die Beurteilung der Aussagen ist, dass die Regel, ein Land = eine Währung, Gültigkeit hat:

1.) Wie ein Haushalt muss die Regierung ihre Ausgaben aus ihren Einnahmen oder durch Kredit finanzieren.

2.) Steuern dienen der Finanzierung der Regierungsausgaben.

3.) Die Regierung leiht sich Geld vom Privatsektor, um das Haushaltsdefizit zu finanzieren.

4.) Wenn die Regierung einen Haushaltsüberschuss erzielt, nimmt sie den Druck von den Zinssätzen, weil so dem Privatsektor mehr Finanzmittel zur Verfügung stehen.

5.) Dauerhafte Haushaltsdefizite werden zukünftige Generationen mit Inflation und höheren Steuern belasten.

6.) Wenn man jetzt Haushaltüberschüsse erzielt, wird man die notwendigen Finanzmittel aufbauen, um mit einer alternden Bevölkerung in der Zukunft fertig zu werden.

Nach der MMT sind alle Aussagen falsch. Zu beachten ist hierzulande, dass wir in der Eurozone sind, so dass diese Übung erhellt, wie problematisch das Experiment einer Währungsunion ohne koordinierte Wirtschaftspolitik ist. Der Handlungsspielraum der Einzelstaaten ist jedenfalls eingeschränkt durch die gegenwärtige Konstruktion der Eurozone. In Ländern mit eigener Währung kann die zentrale Behauptung der MMT, dass Regierungen nicht pleite gehen können, im Prinzip für progressive politische Ziele genutzt werden. Ob man Vollbeschäftigung anstreben sollte oder ein bedingungsloses Grundeinkommen, könnte man vor diesem Hintergrund diskutieren. Leider können wir in der Eurozone diese Diskussion vorerst vergessen.

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