Liberale Strohmänner

Mitunter stolpere ich via feynsinn über einen liberalen Blog. Inzwischen hat der Betreiber eine Kategorie eingerichtet, die sich „Annahmen zum Linkssein“ nennt. Im vierten Eintrag hat er sich Diem25 herausgepickt, um deren Zielvorstellung einer wahrhaft demokratischen EU mittels Reformen lächerlich zu machen. Der Spott besteht dann einerseits darin, die Demokratisierung der EU mit den Feldzügen der USA im Nahen Osten zu verquicken und so die Angst vorm Überstaat Europa zu beschwören. Andererseits ergießt sich der Spott darüber, dass seitens Diem25 erwähnt wird, dass sich auch radikale Linke in ihren Reihen befinden. Mit Linksradikalismus verbindet der Autor nämlich allem Anschein nach nur den teils merkwürdigen Kleidungsstil von Teilen der linken Szene. So benutzt er eine geradezu klassische demagogische Technik, sich Strohmänner aufzubauen, auf die man dann genüßlich mit einem Schuss Ironie einprügeln kann.

Insgesamt ist der Beitrag so albern, dass man inhaltlich nicht darüber diskutieren kann, obgleich eine Diskussion durchaus interessant sein könnte. Irgendwo zwischen Harald Schmidt Show und einem pro-kapitalistischen Kabarettauftritt eines Vince Ebert oder Dieter Nuhr angesiedelt hat er quasi den zynischen Geist der ausgehenden 1990er aufgesogen: Nichts kann mehr ernst genommen werden, allem muss mit ironischer Distanz begegnet werden, sonst macht man sich lächerlich. Mit dieser Attitüde betreibt man das Geschäft der Entthronung der Politik, wie sie die geistig-moralische Wende im Zeichen des Neoliberalismus bis heute vorsieht. Freilich, innerhalb der eigenen Lebensspanne kann es gut sein, dass einen die vermutlich katastrophalen ökologischen und sozialen Folgen des „Weiter so“ hierzulande tatsächlich nicht mehr treffen werden. Irgendwie kann ich mir nicht helfen, aber mir stoßen solche liberal-konservativen Beiträge, die alles, was den politischen Status quo im Sinne einer Verbesserung der Lebensbedingungen aller Menschen in Europa infrage stellt, in den Schmutz ziehen, doch sauer auf.

Während mir auf der einen Seite das Auftreten vieler aus dem linken Spektrum mit ihrer Konzeptlosigkeit und zur Schau gestellten moralischen Überlegenheit missfällt, zerren (neo-)liberale Spottdrosseln ebenfalls an meinen Nerven. Beide blenden die soziale Frage auf ihre Art aus. Die einen befleißigen sich eines Hypermoralismus für Diversity etc., und die andern üben sich in Hohn über jeden alternativen Politikansatz und jede Gesellschaftskritik.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.