No border, no nation…und dann?

Irgendwie beschäftigt mich dieser Slogan immer mal wieder, weil er für mich transportiert, dass jemand seine moralische Integrität in puncto Weltoffenheit und internationaler Solidarität unter Beweis stellen möchte und vor allem, nicht rechts zu sein. Außerdem gehört „No border, no nation“ zum international anerkannten Erkennungszeichen des Widerstandes gegen Rassismus und gehört zu den beliebtesten Demoparolen, soweit ich das überblicken kann. Wenn es nach diesem Kommentar als Antwort auf den vorausgehenden geht, drückt sich darin überdies linke Prinzipientreue aus. Ansonsten unterwerfe man sich dem Zeitgeist und könne gar keine progressiven Forderungen – wie eben die nach offenen Grenzen für alle – stellen, weil sie nicht umsetzbar seien, heißt es dort. Nimmt man besagten Slogan aber beim Wort, wird damit gefordert, dass Staat bzw. Nation und mit ihm bzw. ihr die Grenzen quasi sofort zu verschwinden hätten.

Wenn der Staat bzw. die Nation nicht mehr existiert, fehlt er als Adressat irgendwelcher Forderungen. Wie würden diese dann etwa rechtlich umgesetzt? Oder ist die Vorstellung dahinter, dass mit dem Wegfall des Staates alle Probleme gelöst, alle Menschen glücklich und „gut“ würden? Leider stellen sich meiner Erfahrung nach die Leute aus dem Antira-Umfeld solche Fragen eher nicht. Dennoch offenbaren sich so die Grenzen eines linken Politikkonzeptes, das um die Begriffe des Widerstandes und der Unmittelbarkeit herum aufgebaut ist.

In der aktuellen politischen Großwetterlage bleibt nicht viel anderes übrig, als sich langfristigen Perspektiven zu widmen wohl wissend, dass auch sie für die Katz sein könnten. Selbst die eingefleischtesten Kapitalismusfans werden nicht umhin kommen zuzugestehen, dass dauerhaftes exponentielles Wirtschaftswachstum auf die Dauer auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen nicht möglich sein wird, sofern sie nicht VWL oder vergleichbares studiert haben. Dies ist der stichhaltigste rationale und nicht moralische Grund sich gegen den Kapitalismus zu wenden, der mir bislang untergekommen ist. Das Wachstum der Unternehmen muss nämlich letztlich mit irgendwelchen materiellen Größen (Gebäude, bewegliche Konsumgüter usw.) verknüpft sein, mit denen sich Gewinne realisieren lassen, mit denen sich wiederum der unfassbare globale Schuldenberg bedienen lassen könnte.

Mag sein, dass man mit den Verlockungen des American Dream, des Traums vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, die Bevölkerungen der Industriestaaten noch ein Weilchen an der „Eigenverantwortung“ packen kann, so dass sie sich ruhig verhalten. Der Begrenzung der Ressourcen wird man aber nicht damit Rechnung tragen können, dass man sie schlicht ignoriert. Diese Entwicklungen betreffen den ganzen Erdball und sind somit per se internationalistisch. Dem blinden Vertrauen in das Profitstreben muss daher auf allen möglichen politischen Ebenen Einhalt geboten werden. Wie man Schritte in diese Richtung einleiten könnte, wäre zu diskutieren. Vielleicht versteckt sich hinter „No border, no nation“ doch ein elaboriertes Konzept, was ich nur noch nicht zur Kenntnis nehmen konnte. Nehme Hinweise darauf gerne entgegen.

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