Zum Vorwurf des verkürzten Marx-Verständnisses

Ein Standardvorwurf der Marx-Gelehrten, wenn man ihren Meisterdenker nicht in ihrem Sinne kritisiert, ist, dass man ein verkürztes Verständnis seines umfangreichen Werkes habe vor allem dann, wenn man sich die Rechnungen des Krausbärtigen kritisch anschaut. Nun werden selbst seine Verfechter zugeben müssen, dass Marx selbst mit einer ganzen Reihe an Zahlenbeispielen in seiner Kritik der Politischen Ökonomie aufwartet. So scheint die Tabellenkalkulation, die er hier anstellt tatsächlich fehlerhaft zu sein. Es mag sein, dass er die Fehler noch korrigiert hätte, schließlich war Band 3 des Kapitals noch nicht druckfertig. Was dem heutigen Leser aber vorliegt, ist dieser hypothetische Versuch einer Transformation von Werten in Produktionspreise, der misslingt. Bei näherer Betrachtung gelangt man nämlich zu dem Ergebnis, dass die Waren nicht notwendig zu ihrem Wert verkauft werden, wenn man die Durchschnittsprofitrate zur Berechnung zugrunde legt, was aber gezeigt werden sollte. Damit reduziert man die Werttheorie nicht zwingend darauf, wie Heinrich dies ausdrückt, die relativen Preise anzugeben, sondern zeigt bloß, dass diese es in der dargebotenen Form in Bd. 3 des Kapitals eben nicht leistet. Da beißt die Maus nun einmal keinen Faden ab.

Wenn man aber an empirischer wirtschaftswissenschaftlicher Forschung interessiert ist, fällt es schwer, sich auf die Marxschen Kalkulationen zu beziehen. Sollte er damit bloß eine Karikatur der Bemühungen seiner Vorläufer Smith und Ricardo im Sinn gehabt haben, wie manche dies nahelegen, muss man diesen Ansatz doch wohl erst recht verwerfen. Heinrich weist im verlinkten Text auf eine bei Marx detektierbare monetäre Werttheorie hin, doch schien Marx das Misslingen seiner Arbeitskontoführung zu beschäftigen, weil er diesem Problem in den Theorien über den Mehrwert nochmals zwei Seiten widmete, (vgl. Sweezy 1942, S. 116). Auf diese Weise könnte man eine Debatte darüber beginnen, welche Bedeutung Marx diesen Rechnungen tatsächlich beimaß. Man könnte aber auch sagen, dass in Marx‘ Werk einander widersprüchliche Passagen enthalten sind, wie Heinrich weiter unten über Krisentheorien selbst anmerkt.

Die Betriebswirtschaftslehre jedenfalls kalkuliert mit Geld, und den Unternehmen ist es einfach gleichgültig, ob die Waren, die sie zur Profiterzielung verkaufen, von Sklaven, Maschinen oder Lohnarbeitern hergestellt werden, sofern sie einen Gewinn abwerfen. Ferner ist davon auszugehen, dass Leute nur dann eingestellt werden, wenn sie der Gewinnsteigerung oder -aufrechterhaltung dienlich sind. Insofern werden alle privatwirtschaftlich Angestellten selbstverständlich ausgebeutet, nur dass wahrscheinlich schwer zu ermitteln ist, wer wieviel zum Gewinn beiträgt. Unternehmen wie amazon scheinen daher viel Energie darauf zu verwenden, die Mitarbeiter möglichst effektiv zu überwachen, womöglich um das Gewinnoptimum herauszuholen. In den Worten der Arbeitswertlehre würde man dann von dem Versuch sprechen mittels Intensivierung der Arbeit den relativen Mehrwert zu steigern. Alle Qualität in monetäre Quantität umwandeln zu müssen, ist wohl die Krux an der fortgeschrittenen Marktwirtschaft, in der jeder Einwand gegen ihre negativen Effekte auf Mensch und Natur ohne angegebene Geldgröße tendenziell für lächerlich gehalten wird.

Literatur:
Paul M. Sweezy, The Theory of Capitalist Development, New York, 1942

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.