Liberale Strohmänner

Mitunter stolpere ich via feynsinn über einen liberalen Blog. Inzwischen hat der Betreiber eine Kategorie eingerichtet, die sich „Annahmen zum Linkssein“ nennt. Im vierten Eintrag hat er sich Diem25 herausgepickt, um deren Zielvorstellung einer wahrhaft demokratischen EU mittels Reformen lächerlich zu machen. Der Spott besteht dann einerseits darin, die Demokratisierung der EU mit den Feldzügen der USA im Nahen Osten zu verquicken und so die Angst vorm Überstaat Europa zu beschwören. Andererseits ergießt sich der Spott darüber, dass seitens Diem25 erwähnt wird, dass sich auch radikale Linke in ihren Reihen befinden. Mit Linksradikalismus verbindet der Autor nämlich allem Anschein nach nur den teils merkwürdigen Kleidungsstil von Teilen der linken Szene. So benutzt er eine geradezu klassische demagogische Technik, sich Strohmänner aufzubauen, auf die man dann genüßlich mit einem Schuss Ironie einprügeln kann. „Liberale Strohmänner“ weiterlesen

No border, no nation…und dann?

Irgendwie beschäftigt mich dieser Slogan immer mal wieder, weil er für mich transportiert, dass jemand seine moralische Integrität in puncto Weltoffenheit und internationaler Solidarität unter Beweis stellen möchte und vor allem, nicht rechts zu sein. Außerdem gehört „No border, no nation“ zum international anerkannten Erkennungszeichen des Widerstandes gegen Rassismus und gehört zu den beliebtesten Demoparolen, soweit ich das überblicken kann. Wenn es nach diesem Kommentar als Antwort auf den vorausgehenden geht, drückt sich darin überdies linke Prinzipientreue aus. Ansonsten unterwerfe man sich dem Zeitgeist und könne gar keine progressiven Forderungen – wie eben die nach offenen Grenzen für alle – stellen, weil sie nicht umsetzbar seien, heißt es dort. Nimmt man besagten Slogan aber beim Wort, wird damit gefordert, dass Staat bzw. Nation und mit ihm bzw. ihr die Grenzen quasi sofort zu verschwinden hätten. „No border, no nation…und dann?“ weiterlesen

Zum Vorwurf des verkürzten Marx-Verständnisses

Ein Standardvorwurf der Marx-Gelehrten, wenn man ihren Meisterdenker nicht in ihrem Sinne kritisiert, ist, dass man ein verkürztes Verständnis seines umfangreichen Werkes habe vor allem dann, wenn man sich die Rechnungen des Krausbärtigen kritisch anschaut. Nun werden selbst seine Verfechter zugeben müssen, dass Marx selbst mit einer ganzen Reihe an Zahlenbeispielen in seiner Kritik der Politischen Ökonomie aufwartet. So scheint die Tabellenkalkulation, die er hier anstellt tatsächlich fehlerhaft zu sein. Es mag sein, dass er die Fehler noch korrigiert hätte, schließlich war Band 3 des Kapitals noch nicht druckfertig. Was dem heutigen Leser aber vorliegt, ist dieser hypothetische Versuch einer Transformation von Werten in Produktionspreise, der misslingt. Bei näherer Betrachtung gelangt man nämlich zu dem Ergebnis, dass die Waren nicht notwendig zu ihrem Wert verkauft werden, wenn man die Durchschnittsprofitrate zur Berechnung zugrunde legt, was aber gezeigt werden sollte. Damit reduziert man die Werttheorie nicht zwingend darauf, wie Heinrich dies ausdrückt, die relativen Preise anzugeben, sondern zeigt bloß, dass diese es in der dargebotenen Form in Bd. 3 des Kapitals eben nicht leistet. Da beißt die Maus nun einmal keinen Faden ab. „Zum Vorwurf des verkürzten Marx-Verständnisses“ weiterlesen

Profitratenfall revisited

Beim umhersurfen stieß ich auf einen Artikel von Joseph Choonara, der die Tendenz zum Fall der Profitrate Marx folgend anführt und andeutungsweise mit der Arbeitswertlehre begründet. Investitionen in Maschinerie seien demnach solche in „tote Arbeit“, die die Produktivität zwar erhöhen, aber eine Verringerung der „Mehrwertmasse“ durch die Verbilligung der Produkte mit sich bringen, sofern mehr in „tote Arbeit“ als in lebendige investiert werde.

Choonara präsentiert weiter unten eine Abbildung mit Schätzungen der globalen Profitrate aus einem anderen Werk, die sich seit Mitte der 2000er Jahre anscheinend auf einen Wert unter 17% einzupendeln scheint, während sie ihren Höhepunkt offenkundig in der Mitte der 1960er mit angeblich fast 27% erreichte. Schaut man sich die Quelle an, muss man feststellen, dass ihr Urheber Esteban Maito die Probleme der Arbeitswertlehre elegant umschifft, wie statistisch arbeitende Marxianer dies meines Wissens nach gerne tun. Maito referiert die übliche Definition der Profitrate: Pr = m/(v+k) mit m wie Mehrwert, k wie konstantes Kapital (Maschinerie etc.) und v dem Wert des variablen Kapitals, der lebendigen Arbeit, und fügt sogar noch zirkulierendes Kapital (z) wie Rohstoffe und Betriebsmittel usw. als Summanden ein. Die Profitrate nach Maito sieht daher zunächst so aus: Pr = m/(v+k+z). Da z schwierig zu messen sei, v keine große Bedeutung mehr für den Profit habe, vereinfacht sich die statistische Aufgabe zu Pr = m/k. Basierend auf verschiedenen statistischen Quellen kommt Maito zu dem Schluss, dass Marx recht hatte, was den tendenziellen Fall Profitrate betrifft. „Profitratenfall revisited“ weiterlesen