Statistische Blicke auf die real existierende Marktwirtschaft I

Wie angekündigt soll im Folgenden ein Blick auf die wirtschaftliche Wirklichkeit in der real existierenden Marktwirtschaft geworfen werden, wobei der Finanzsektor in diesem Beitrag außen aus Aufwandsgründen vor bleibt. Die zugrundeliegenden Zahlen sind öffentlich zugänglich und können unter der Rubrik „Structural Business Statistics“ abgerufen werden.

Die Klitsche als dominierende Unternehmensgröße


Die meisten privatwirtschaftlichen Unternehmen in der EU28 waren nach den neuesten Zahlen der europäischen Statistikbehörde eustat von 2015 keine Großkonzerne sondern kleine Klitschen mit bis zu 9 Angestellten. Dies galt 2015 EU-weit für ca. 93% der etwa 23,5 Millionen Betriebe, wobei Deutschland eine Ausnahme darstellt, als hierzulande der Anteil „bloß“ bei ca. 82% lag. Wenn man nach einer Antwort sucht, weswegen die neoliberale Ideologie noch immer wirkmächtig ist, kann man an solch simplen empirischen Befunden nicht vorbeigehen.

In der Tat dürfte den Klitschen nämlich ständig der harte Wind des Wettbewerbs ins Gesicht wehen, sofern sie nicht zu den staatlich protegierten Freiberuflern zählen, während sie mit den Anforderungen staatlicher Bürokratie und ihren Regeln konfrontiert sind, um die sie sich zusätzlich zu ihren Kunden auch noch kümmern müssen. Ein Konzern kann sich für den Umgang mit den Behörden entweder eine eigene Abteilung oder externe Spezialisten leisten. Daher rührt die Idee, die Kleinunternehmer dem Proletariat oder der „Multitude“, um Negris Terminus zu gebrauchen, zuzurechnen, obgleich sie sich vermutlich eher als Leute sehen, die ihr eigenes Ding durchziehen. Eventuell ließe sich sogar nachweisen, dass nicht geringe Teile des Kleinunternehmertums genauso abhängig von Konzernen sind wie abhängig Beschäftigte, sie aber zusätzlich noch das unternehmerische Risiko zu tragen haben.

Was Großbetriebe über 250 Mitarbeiter betrifft, waren sie relativ zur Gesamtzahl der Betriebe in Luxemburg und Deutschland mit 0,46% bzw. 0,47% 2015 am häufigsten. Aufgrund seiner Größe stellte Deutschland rund ein Viertel aller Großbetriebe in der EU gefolgt vom nunmehr auscheidenden Großbritannien (14%). An dritter Stelle in dieser Kategorie lag Frankreich mit 9,2%. Bezogen auf die gesamte EU hatten nur 0,19% aller Betriebe mehr als 250 Mitarbeiter.

Obwohl die Zahl der Großbetriebe im Vergleich zur Gesamtzahl ziemlich gering ist, zeichneten sie für etwas mehr als ein Drittel der Gesamtbeschäftigung in der EU verantwortlich. Deutschland liegt mit rund 37% aller Beschäftigten etwas über dem Durchschitt, wird dabei nur von Frankreich mit ca. 38% und Großbritannien mit 46,5% übertroffen. In Italien sind nur 21% aller Beschäftigten bei Großbetrieben tätig, was einer der geringsten Werte innerhalb der EU ist, erstaunlich für die drittgrößte Volkswirtschaft der EU.

Die Wirtschaft wird von eustat in sog. Abschnitte eingeteilt, zu denen etwa das verarbeitende Gewerbe, Groß- und Einzelhandel, Bergbau, Transport, Gastronomie, Freiberufe und wissenschaftlich-technische Dienstleistungen zählen. Mit Abstand die wichtigsten Abschnitte in Bezug auf die Beschäftigtenzahlen sind EU-weit betrachtet Groß- und Einzelhandel mit ca. 24% und das verabeitende Gewerbe mit knapp 22%. Im Land der deutschen Michels ist das verarbeitende Gewerbe mit beinahe 26% noch immer wichtiger als der Groß- und Einzelhandel mit rund 23% Anteil an der Gesamtbeschäftigung. Auffallend ist desweiteren, dass in Osteuropa der Anteil des verabeitenden Gewerbes meist noch höher ist als hierzulande. Dies gilt z.B. für Tschechien, Slowakei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn, um nur ein paar zu nennen.

Ein kaum beachteter Bauboom in Deutschland

Was sehr selten in der veröffentlichten Meinung zur Sprache kommt, ist der enorme Anstieg an Bauunternehmen bzw. der Bautätigkeit in Deutschland beginnend im Jahr 2014. So stieg die Zahl der Unternehmen im Bausektor um über 26% im Vergleich zum Vorjahr und die Zahl der Beschäftigten um 11% auf immerhin etwa 2,2 Millionen, während es 2010 noch ca. 1,6 Millionen waren. Im Jahr 2015 verringerten sich die Zahlen geringfügig, doch scheint die Bautätigkeit in Deutschland immer noch recht beachtlich zu sein, zumindest im Einzugsgebiet der Ballungszentren scheint der Bauboom ungebrochen. Wenn der Bau boomt, zieht er andere Sektoren wie den Transport, Teile des verarbeitenden Gewerbes usw. aller Wahrscheinlichkeit nach mit. Hierüber schweigt sich die Medienlandschaft und die Ökonomenzunft meines Wissens sehr beredt aus, womöglich weil Bauvorhaben irgendwann fertig gestellt sind und danach die Wirtschaft wieder abkühlen dürfte. Solange die Phase aber anhält, kann sich Deutschland als Land, das seine Hausaufgaben gemacht habe, dauernd selbst auf die Schulter klopfen. Möglicherweise waren die Hinweise Merkels, dass mehr sozialer Wohnungsbau benötigt wird, so zu verstehen, dass es gelte, den Boom zu verlängern.

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