Über Moishe Postones letzte Vorträge

Angeregt durch den Hinweis bei der Webseite Streifzüge schaute ich mir an, was Moishe Postone in seinen letzten Vorträgen in die Diskussion einbrachte. Unüberhörbar war jedenfalls, dass seine zentrale These, den Wert als eine historisch spezifische Angelegenheit des Kapitalismus aufzufassen, gewesen ist, die er aus den Grundrissen zum Kapital von Marx entnahm. Die Kritik von Marx habe sich Postone zufolge primär gegen die Vergesellschaftung über die homogenisierte abstrakte gesellschaftliche Arbeitszeit (=Arbeitswert) gerichtet. Ob diese Interpretation wirklich wasserdicht ist, sich mithin nicht auch genügend Gegenargumente in Marxens Werk finden, sei einmal dahingestellt. Nimmt man diese Warte ein, dann griff Marx die politische Ökonomie von Smith und Ricardo, als einen zu überwindenden Zustand, an. Damit umschifft Postone die Probleme, die sich ergeben, wenn man mit Hilfe des Wertbegriffs empirisch-wissenschaftlich versucht zu arbeiten, und macht gleichzeitig den Wert bzw. dessen Logik aber für die sich beschleunigende Dynamik des kapitalistischen Systems vor allem in Hinsicht auf die Entwicklung der Produktivkräfte verantwortlich.

Diesen Eindruck bestätigt Jacques Bidets Rezension von Postones Hauptwerk „Time, Work, and Social Domination“, dem ebenfalls auffiel, dass sich Postone nicht groß um Markt und Konkurrenz kümmerte, um die Dynamik des Kapitalismus zu erklären, sondern die nach seiner Ansicht historisch spezifische Wertlogik des Kapitalismus als Erklärung geltend macht. Wie und warum die Dynamik des Werts den Kapitalismus antreibt, bleibt doch eher rätselhaft. In Bezug auf daraus abzuleitende politische Optionen, kann Postones Ansatz kaum fruchtbar gemacht werden. „Wait and see.“, wie er am Ende eines seiner Vorträge darauf angesprochen anmerkt, bringt kaum jemanden weiter. Freilich, kann man dies einem Gelehrten nur bedingt zum Vorwurf machen.

Die Potentiale, die im Kapitalismus entwickelt werden, können nach Postone nicht zur Entfaltung gebracht werden, weil proletarische Arbeit und Kapital über den Wert dialektisch aufeinander verwiesen sind. Von beidem loszukommen, wäre demnach das Ziel. Der Weg dahin lag bzw. liegt aber außerhalb der Reichweite eines Universitätsprofessors bzw. akademischer Schriften. Zwar stimme ich damit überein, dass ein Zurück in die unmittelbare Nachkriegszeit ein wenig dürftig für ein progressives Zukunftsprojekt wäre, doch kann man auch gänzlich ohne Arbeitswertlehre zu einem solchen Schluss kommen, zumal Postone an einer Stelle auch betonte, dass er einen wirtschaftlichen Zusammenbruch gar nicht für wahrscheinlich hielt.

Betrachtet man das betriebswirtschaftliche Kalkül in Bezug auf Arbeiter und Angestellte, dann erscheint mir folgende Logik einleuchtend. Ein Unternehmen stellt genau dann zusätzlich Leute ein, wenn die zusätzlichen Arbeitskosten den Gesamterlös nicht übersteigen, die anfallende Arbeit von den bestehenden Arbeitskräften aber nicht mehr bewältigt werden kann, Investitionen in den Maschinenpark – sofern überhaupt möglich – aber noch zu kostspielig erscheinen. Sollte die zusätzliche Arbeitskraft bei abklingender Konjunktur den Gewinn jedoch schmälern, wird sie nach Möglichkeit sogleich wieder freigesetzt. Wer sich zudem die Statistiken zu Betriebsgrößen anschaut, wird schnell feststellen, dass das Heer an Industriearbeitern von einst entweder nicht mehr existiert oder nie existierte, dass sie irgendeine „Substanz“ des Kapitals hätte bilden können bzw. bilden kann. Die kleine Klitsche von bis zu 10 Leuten hingegen ist die Regel. (Im nächsten Beitrag werde ich mehr darüber berichten). Auch darauf antwortet die Wertkritik nicht.

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