„Leben, um zu arbeiten“: zur Sendung „Lebenszeit“

Zu Gast in der Sendung Lebenszeit auf dem DLF waren die Soziologieprofessorin Jutta Allmendinger und der Chefredakteur eines philosophischen Magazins Thomas Vašek. Bei „Lebenszeit“ handelt es sich um ein Format mit Zuhörerbeteiligung, was ein gewisses Maß an Zufälligkeit mit in den Verlauf bringen kann. Ich konnte sie weitgehend mitverfolgen und fand ein paar Punkte bemerkenswert, die ich kurz notieren möchte.

Zwar wiesen die Gäste auf ihre jeweils privilegierte Stellung hin, für etwas bezahlt zu werden, in dem sie einen Sinn sehen und dabei noch ziemlich selbstbestimmt ihre Zeit einteilen zu können, umschifften aber gekonnt die Frage, warum die meisten Menschen dieses Privileg nicht genießen. Warum sich Millionen Menschen in aller Frühe aus dem Bett quälen, um einem Job im Schichtrhythmus nachzugehen, kam somit gar nicht zur Sprache. Vielmehr wurde die normative Frage gestellt, welchen Stellenwert Arbeit haben sollte. Die Wirtschaft bzw. der Kapitalismus kam so gar nicht vor. Das allein ist schon eine bemerkenswerte Leistung!

Die Soziologin brachte ein paar Daten ins Spiel, wonach die Zahl der Frühverrentungen auch wegen zunehmender berufsbedingter körperlicher Schäden – psychische Belastungen waren als Ursache zuletzt in aller Munde – steige, die Zufriedenheit mit dem Job sehr stark mit der Bezahlung und dem „Betriebsklima“ zusammenhänge. Ferner schien sie der Ansicht zu sein, dass die Arbeit doch gar nicht ausgehe, gerade weil in sozialen Berufen mehr Menschen gebraucht würden.

Der philosophische Chefredakteur trat dafür ein, dass die Trennung zwischen Arbeit und Leben aufgehoben werden sollte. Er schränkte allerdings sinngemäß ein, dass der Zwang zum Gelderwerb in schlecht bezahlten Jobs für viele diese Vorstellung illusorisch erscheinen lasse, weswegen er für ein bedingungsloses Grundeinkommen sei. Ansonsten wäre seine Einlassung, dass Menschen, die Jobs verrichten, die sie fertig machen würden, ihre Zeit verschwenden würden, doch etwas zu wohlfeil ausgefallen.

Gleichzeitig schienen sich die Moderatorin und ihre Gäste einig, dass der soziale Aspekt der Anerkennung und der Kooperation mit den Kollegen wichtig sei und waren aber paradoxerweise alle dafür, Modelle des bedingungslosen Grundeinkommens auszuprobieren. Immerhin war doch die Soziologin überzeugt, dass der Arbeitsbedarf eher zu- als abnehme, und außerdem gingen alle d’accord, dass viele gewissermaßen ohne Befehl und Gehorsam gar nicht klar kämen. So blieb es – gewollt oder ungewollt – ein Hosianna auf die Erwerbsarbeit als Instanz zur Vermittlung von Wertigkeit und Zugehörigkeit in der Gesellschaft. Ähnlich fasste auch ein Zuhörer das Gespräch zusammen, der als Angestellter in der Informationstechnik mit sicherem Job zwar ganz gerne in dem Bereich arbeite, dem aber die Fremdbestimmtheit seitens der Firmenleitung nerve, die ihm, gerade weil er seine Arbeit gut mache, immer mehr aufhalse.

Nun hätte ich beleibe nicht erwartet, dass in der Sendung eine kapitalismuskritische Analyse geliefert würde. Doch wenigstens hätte sich Allmendinger überlegen können, ob der von ihr diagnostizierte wachsende Bedarf an Arbeit im sozialen Bereich unter den gegenwärtigen sozioökonomischen Voraussetzungen überhaupt bezahlbar wäre. Vašek kam meines Wissens nicht dazu, seine Kritik an der Trennung von Arbeit und übrigem Leben so zu äußern, dass man sie beurteilen könnte. Man könnte – etwas überspitzt formuliert – schließlich die Trennung dadurch aufheben, dass man das Leben streicht, und die überwiegende Zahl der Menschen nur noch für ihren Arbeitgeber bzw. als Selbstständige nur noch für ihren Kundenstamm existiert. Nach allem, was ich von ihm vernahm, wird er diese Art der Aufhebung wohl nicht gemeint haben. Somit bleibt festzuhalten, dass das zwiespältige Verhältnis unserer Gesellschaft zur Erwerbsarbeit sich einmal mehr offenbarte.

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