Über die Versprechen, die eine Gesellschaftsordnung halten sollte o.ä.

Ein Vorteil eines eigenen Blogs ist, dass man seinen Senf über Beiträge in anderen Blogs dazugeben kann, ohne dass man auf die Freischaltung eines Kommentars seitens eines Blogbetreibers angewiesen wäre, was ich mir hiermit erlaube.

Bei feynsinn las ich jüngst folgendes:

„[…], es finden sich Ideen und die dazugehörige Praxis, die Identität, Stabilität, Zugehörigkeit und einen möglichst unkomplizierten Alltag versprechen. Dabei ist das Versprechen nicht minder wichtig als die Praxis, denn heute verteidigen rechte Halbgescheite unbewusst das System, das ihnen längst über den Kopf gewachsen ist.“

Wenn ich obiges Zitat richtig verstehe, dann sind Identität, Stabilität, Zugehörigeit und ein möglichst unkomplizierter Alltag Teil eines Versprechens, das eine politische Linke abgeben sollte, um nicht bei einer Art Neuaufguss des Ostblockstaatssozialismus zu landen. Dieses Versprechen wird anscheinend von Ideen und einer zugehörigen Praxis vermittelt, wobei das Versprechen als gleichrangig mit der Praxis zu werten sei, weil die politische Rechte das System stütze, ohne zu merken, dass es ihnen über den Kopf gewachsen sei.

Vier Teile soll das Versprechen beinhalten, die man aber interpretieren muss, um irgendetwas damit anfangen zu können.

Möglichst unkomplizierter Alltag


Die bestehende kapitalistische Ordnung bietet den wohl unkompliziertesten Alltag zumindest, was die Industrieländer betrifft, der nur vorstellbar ist, ohne in die Sklaverei zurückzuverfallen. Der Alltag ist dermaßen unkompliziert, dass er fast dieselben Effekte zu zeitigen vermag, wie der erzwungene Aufenthalt in einer Einzelzelle. Der Alltag eines „normalen“ Erwachsenen ist ultrasimpel: aufstehen, arbeiten, einkaufen (zunehmend bei amazon o.ä.), zerstreuen, ohne sich für den Arbeitsalltag untauglich zu machen, schlafen…da capo al fine. Strukturierte sich der Alltag entlang der in der Bewegungslinken verbreiteten Plena, ergäbe sich ein durchaus komplizierterer Alltag. Ganz gleich, wie man zu Plena steht, scheint klar zu sein, dass, wenn mehr Leute etwas zu sagen haben sollen, die Beteiligung an Entscheidungen notwendig mehr Raum einnehmen wird als derzeit üblich. Ein gewisser Trade-off scheint mir da schon vorzuliegen. Doch dafür hätten alle etwas zu sagen, die das wünschen.

Stabilität


Die bestehende Ordnung ist dahingehend stabil, dass selbst der vor rund 10 Jahren eingetretene heftige Finanzcrash keine wirksamen Gegenbewegungen auslöste. Aus dem Blickwinkel der oberen Zehntausend kann es kaum besser laufen. Auch für die Funktionseliten, die gut besoldeten Beamten, staatlich protegierten Freiberufler etc., ist die Welt noch in Ordnung. Wenn etwas schief läuft, fällt dieser Klientel eigentlich nur ein, dass mehr Markt die Lösung sein müsse.

Für die Mehrzahl der Menschen bietet die bestehende Ordnung hingegen immer weniger wirtschaftliche Stabilität. Ob der einmal erreichte Lebensstandard gehalten werden kann, ist für immer mehr Leute fraglich. Die wiederkehrenden, unvorhersagbaren Krisen, die ständigen Versuche der Banken Menschen in die Verschuldung zu treiben, der Prozess der schöpferischen Zerstörung, zeigen nur allzu deutlich, dass dieses System wirtschaftlich eher notorisch instabil ist. Dafür verspricht es Dynamik durch ständige Innovationen etwa von HD über SuperHD zu 4k und spricht jeder anderen Ordnung ab, damit Schritt halten zu können.

Mehr Stabilität als das gegenwärtige sozialdarwinistische Haifischbecken, das scheinbar auch immer instabilere Persönlichkeiten hervorbringt, kann man sich in der Tat schon durch ein paar steueraufkommensneutrale sozialdemokratische Maßnahmen versprechen. Aber flatter scheint der Ansicht zu sein, dass die Linke durch ihre Toleranz generell zu instabilen Verhältnissen tendiere, führt aber nicht weiter aus in welcher Hinsicht. Warum impliziert Toleranz Instabilität und für wen?

Die beiden letzten Teile des Versprechens scheinen mir sehr nahe beieinander zu liegen, so dass ich sie unter einer Überschrift behandele.

Identität und Zugehörigkeit


Dass eine alternative Gesellschaftsordnung ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln muss und sich Menschen mit ihr identifizieren können sollten, wird sicherlich wichtig sein, um nicht die Fehler des Ostblocks von einst zu begehen. Da momentan für die meisten gar nicht vorstellbar ist, dass sich irgendetwas grundlegendes in der Gesellschaft verändern könnte, wird es schwierig für die paar Menschen, die etwas besseres anstreben, im Bestehenden daran zu arbeiten. Vielleicht könnte man dies so fassen, dass die Mündigkeit eines möglichst großen Teils der Gesellschaft angezielt werden sollte.

Schlussbemerkung


Vorbehaltlich möglicher anderer Interpretationen scheint mir die Begriffsverwendung in obigem Zitat etwas seltsam zu sein, als dass Ideen und Praxis zusammen eine alternative Gesellschaftversprächen. Die bewegungslinke Praxis war in den letzten Jahren kaum von einer Menge kohärenter Ideen getragen, die ein gesellschaftspolitisches Konzept hätten erkennen lassen. Sie zentrierte vielmehr um den Begriff des Widerstandes, versprach insofern nichts. Daher würde ich vorschlagen, dass die Praxis stärker von dem Gedanken getragen sein müsste, neue Ideen zu verbreiten. Ein diffuses „Dagegen“ wird dafür nicht hinreichend sein.

Wichtig ist zudem den neoliberalen Rahmen der veröffentlichten Meinung zu verlassen und ganz nach angelsächsischem Vorbild zu fragen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, ohne sich auf die Sachzwanglogik einzulassen.

3 Gedanken zu „Über die Versprechen, die eine Gesellschaftsordnung halten sollte o.ä.“

  1. Dein Blog liefert keine automatischen Trackbacks aus; vielleicht kannst du das irgendwo einstellen.
    Ich werde mal einen Link in meine Kommentare setzen und ggf. darauf (in einem neuen Posting? Quite busy these days) antworten.
    In den Nutzungsbedingungen bei mir steht recht klar, was ich freischalte und warum. Dieser Beitrag wäre ein bisschen lang als Kommentar, aber es gibt keinen Grund, solche sachlichen Ansätze nicht durchzuwinken (Amokläufe des Spamfilters vorbehalten). Ich zensuriere nicht, ich moderiere.

    Schöne Grüße

  2. Du schreibst von „Plena“ (Strukturierte sich der Alltag entlang der in der Bewegungslinken verbreiteten Plena …)? Das bedeutet was? Gibt’s das auch auf tschörmisch?

  3. Sorry für die späte Freischaltung, lasse meinen Blog schon mal etwas verwaisen.

    @flatter: In der Tat war die Länge meines Kommentars ein wichtiger Faktor, weswegen ich ihn sogleich auf mein Blog gestellt habe. Hab‘ übrigens vollstes Verständnis dafür, wenn bei der Moderation mal ein Kommentar nicht durchkommt.

    @ Vogel: Bei einem Plenum kommen alle Beteiligten an einem Camp/Wohnprojekt/Politgruppe o.ä. zusammen, beschließen einstimmig das Vorgehen für die nächste Zukunft, Stellungnahmen zu politischen Entwicklungen etc.. Das kann mitunter ganz schön anstrengend werden bis alle Zweifel ausgeräumt, die Wortwahl gefunden ist, mit der alle einverstanden sind usw.. Ab einer gewissen Personenzahl wird Einstimmigkeit zum Problem. Beispiele für solche Probleme gab es meines Wissens etwa in der Christiania (Kopenhagen), weil man sich über die Nutzung von Flächen nicht verständigen konnte.

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