Gegen die Arbeitsmoral

Das quasi-religiöse Verhältnis zur Lohnarbeit in den älteren Industriegesellschaften ist ein großes Problem. Die Erinnerung daran, dass die Arbeit vor gar nicht allzu langer Zeit kein so großes Ansehen bei den Herrschenden in Europa hatte, hält ein Text von Eisenberg aufrecht. Besonders erhellend ist, dass die Arbeiterbewegung teilweise noch tugendhafter sein wollte als das Bürgertum. Sie wollte gewissermaßen den „Klassenkampf“ der Bourgeoisie, sofern davon überhaupt gesprochen werden kann, gegen den Adel kopieren, das Bürgertum mithin in Tugendhaftigkeit überholen. Daher rührt womöglich die Unfähigkeit der (linken) Sozialdemokratie, einen anderen Blick auf die Arbeitsgesellschaft zu werfen.

Anstatt möglichst wenig fremdbestimmte Tätigkeiten als politisches Ziel zu formulieren, vermag die Sozialdemokratie nicht über den Tellerrand der 30 glorreichen Jahre von ~1950 bis ~1980 hinauszudenken. Dass eine Rückkehr in diese Zeit nicht vollumfänglich möglich ist, u.a. weil das Gegengewicht des Ostblocks mittlerweile fehlt, kommt den Genossen dieses Schlages nicht in den Sinn. Nicht zuletzt zwang besagtes Gegengewicht die meist konservativen Regierungen der Nachkriegszeit umfangreiche soziale Sicherungssysteme einzuführen, um zu beweisen, dass Kapitalismus und soziale Sicherheit sich nicht ausschließen müssen. Letztere garantierte man im Ostblock trotz all der Fehler des Staatssozialismus. Dieser Einsicht verschließen sich Linkssozialdemokraten anscheinend sehr erfolgreich, weil ihre ganze Argumentationskette daran hängt, dass die sozialdemokratischen Parteien ab den 1990er Jahren nur vom rechten Wege abgekommen seien. Wären die richtigen am Ruder geblieben, dann lebten wir längst wieder im Vollbeschäftigungsparadies.

Arbeit als eine Art Verheißung anzusehen, ist dabei in meinen Augen der Grundfehler. Für einen äußerst geringen Prozentsatz der Arbeitsbevölkerung mag es zutreffen, dass sie sich schon auf ihre Arbeit freuen, wenn morgens früh der Wecker klingelt. Deswegen ist ein ausreichendes bedingungsloses Grundeinkommen auch so schwer zu vermitteln. So stellten BGE-Initiativen bei Befragungen zwei gegenläufige Antwortmuster fest. Wird das Konzept des BGE vorgestellt, ist die erste Reaktion meistens ein ungläubiges Staunen, dass jemand einen solch kühnen Vorschlag macht, weil dann niemand mehr arbeiten ginge. Werden die Leute hingegen gefragt, ob sie denn noch arbeiteten, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe, antworten sie in ihrer Mehrzahl, dass sie selbst natürlich weiter arbeiten würden.

Die BGE-Missionare halten letztere Reaktion für einen Anknüpfungspunkt, um die Leute dennoch davon zu überzeugen, dass ein BGE machbar sei. Ich würde sie eher als Zeichen der Verlogenheit deuten, weil die Leute sich selbst als fleißig und zupackend und nicht als faul sehen wollen. Nur die anderen würden sich auf die faule Haut legen. Man selbst ist motiviert für seine Lohnarbeit bis in die Haarspitzen. In dieser Verlogenheit steckt auch das religiöse Element des Glaubens an die Lohnarbeit, der auch mit dem christlichen Glauben verstrickt ist.

Denkt man außerdem daran, wie gut die Propaganda gegen Arbeitslose, die die Agenda 2010 begleitete, bis heute verfängt, sollte man eher an die Schattenseiten der Arbeit und der darauf aufbauenden Arbeitsgesellschaft erinnern. Ein großer Hemmschuh dabei ist, dass gerade unter Medienschaffenden die Mär von der Selbstverwirklichung weit verbreitet ist. So weit, dass Selbstverwirklichung in den Worten irgendeiner Radiosprecherin längst den Klassenkampf ersetzt habe.

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