Der Tunnelblick mancher Naturwissenschaftler

Angeregt durch die Diskussion unter meinem letzten Beitrag, stieß ich auf einen Vortrag des Biologen Kutschera in drei Teilen¹, der in der Wissenschaftswelt sich einen guten Ruf in Fortpflanzungs- bzw. Evolutionsbiologie erworben zu haben scheint. Er wurde laut eigener Aussage von der veröffentlichten Meinung gebeten (Spiegel, Focus etc.), zum Genderthema in seiner Eigenschaft als Wissenschaftler Stellung zu beziehen. Die ihm zur Verfügung gestellte Literatur ließ ihn offenbar die Konsequenz ziehen, dass die Gendertheorien Biologen als Geisterseher ansähen. Für einen Mann der Wissenschaft ist das freilich ein Frontalangriff, gegen den er sich dann genötigt sah, ein Buch zu veröffentlichen. Die wesentlichen Punkte seiner „Verteidigung“ der Biologie führt er in dem Vortrag aus, und sie schienen mir durchaus einleuchtend.

In der anschließenden Diskussion indes kam zum Vorschein, dass man spezialisierten Wissenschaftlern nicht ohne weiteres politische Entscheidungen überantworten sollte. Mögen Wissenschaftler in ihrer Disziplin kritisch sein und sorgfältig arbeiten, scheinen sie nicht unbedingt ein Gespür für die sie umgebende Gesellschaft zu haben. So scheint Kutschera allen Ernstes der Ansicht zu sein, dass die Gendertheorie u.ä. Produkt einer Degeneration seien, deren Prominenz in Deutschland auf den überversorgenden Sozialstaat zurückzuführen sei.

In den USA seien die Menschen noch „wirklichem Menschsein“ ausgesetzt, seien die Frauen froh, wenn ihr Mann tagsüber genügend Geld verdiene, um abends den Kühlschrank der Familie zu füllen, da sei für Gendertheorie kein Platz. Von der Hand in den Mund zu leben, ist demnach der Mensch im „Naturzustand“. Wie es um die Profession des Biologen im Vergleich zu diesem Naturzustand bestellt ist, verrät uns der werte Wissenschaftler jedoch nicht. Ferner scheint Kutschera nicht mitbekommen zu haben, dass die Impulse für die Gender Studies hauptsächlich aus den USA stammen, obgleich die Situation für viele dort lebende Menschen doch so viel „natürlicher“ ist als bei uns im angeblich dekadenten überversorgten Europa.

Philosopisch gesehen, müsste jemand Kutschera mal um die Erläuterung seines Naturbegriffs bzw. seines Begriffs des „natürlichen/echten Menschseins“ bitten. Das erscheint mir doch reichlich aus der Hüfte geschossen, was der Mann da von sich gab. Es ist vielleicht auch die Krux der Spezialisierung, die Wissenschaftler im Lauf der Zeit mit einem enormen Tunnelblick auszustatten scheint. Dies entwertet jedoch seine Entgegnung auf die Gender Studies und ähnliche Zweige der „Humanities“ meines Erachtens nicht, die mit ihrem Treiben ganze Fakultäten in Verruf bringen und, weil sie sich als „links“ verstehen, linke Politikansätze gleich mit.

1: Teil eins, zwei, drei

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