In einem so reichen Land wie Deutschland…

Diese Einleitung hört und liest man ab und zu, wenn es um Tafeln, in Armut aufwachsende Kinder, Obdachlosigket u.ä. geht. Dabei könnten diese Effekte glasklar auf die angeblich ideologiefreie Ideologie, auch als Neoliberalismus bekannt, der liberalen Parteien von CxU, FDP, Grünen und SPD zurückgeführt, wonach soziale Ungleichheit so groß wie nur irgend möglich werden müsse, um das Überleben des eigenen Standortes auf dem Weltmarkt zu sichern. „Unnatürlicher“ Luxus für Proleten jedenfalls war nie im Sinn der neoliberalen Ideologie, eher ein Zugeständnis an die Systemkonkurrenz aus dem Ostblock. Da diese nunmehr weggefallen ist, kann man sich des unnötigen proletarischen Ballasts nach und nach entledigen. Der real-existierende Neoliberalismus ist kein Ponyhof, würden manch CxU-nahe Menschen dazu sagen.

Die Polarisierung in Arm und Reich ist nicht so leicht ersichtlich wie im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der Prozess dürfte vielen Bürgerlichen, wie der Henkel Familie, sicher noch nicht schnell genug gehen, weil sich Armut in Industrieländern paradoxerweise oft durch Fettleibigkeit bemerkbar macht, aber daran kann man arbeiten. Derweil hört man immer wieder Wehklagen, dass der sozial verantwortlich handelnde Unternehmertypus der 1950er zunehmend in Vergessenheit geraten sei. Was alles berücksichtigt werden müsste, um solche Vergleiche sinnvoll ziehen zu können, fällt bei solchen Aussagen meist unter den Tisch. Ohne solche Qualifizierungen handelt es sich dabei bestenfalls um Nostalgie.

Festzuhalten bleibt, dass der herrschenden ideologiefreien Ideologie selbst die Finanzkrise 2007/8 nichts anhaben konnte, wogegen nostalgische Verweise auf die „trente glorieuses“, die 30 glorreichen Jahre der Nachkriegszeit in den Industriestaaten, bislang wenig geholfen haben. Sie konnte gewissermaßen den homo oeconomicus als menschliche Natur verkaufen, weswegen die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse ein natürliches Ergebnis der Marktevolution seien. Zwar scheinen nicht allzu viele den Status quo für erstrebenswert zu halten, sind jedoch gefangen in einem überaus negativen Menschenbild, das die Alternativlosigkeit zu zementieren scheint. So sei halt der Mensch, ist dann meistens das Fazit, so dass man sich wieder den alltäglichen Belanglosigkeiten widmen kann. Ansonsten fühlte man sich aufgefordert, zusammen mit anderen zu versuchen, die Situation tatsächlich zu ändern, was anstrengend wäre.

Dieses Trägheitsmoment aufzubrechen, wird nicht einfach sein. Mit Moral wird man da nicht weit kommen. Ein „linkes“ Angebot könnte vielleicht sein, dass die Menschen mehr Entscheidungsmöglichkeiten über den Lauf der Dinge in der Gesellschaft erhalten, anstatt sich blind irgendwelchen Führungskräften unterzuordnen. Das Begehren danach zu wecken, während alle Institutionen der Gesellschaft mehr oder weniger darauf ausgerichtet sind, es zu unterdrücken, wäre eine zentrale Herausforderung linker Politik. Hingegen wird radikal linkes Gedankengut inzwischen eher mit Diversität, Gendermainstreaming, toxischer Männlichkeit usw. identifiziert, was außerhalb von Szenekreisen und Philosophieseminaren kaum jemanden vom Hocker reißt.

Die Nachfragetheoretikerinnen unter den Marktwirtschaftsfans sollten sich vielleicht fragen, inwieweit sie sich tatsächlich vom neoliberalen Mainstream absetzen können, ob sie nicht demselben Menschenbild verhaftet sind. Linksradikale Moralapostel*innen mögen vielleicht in Erwägung ziehen, dass der Vorwurf der Übertreibung nicht sogleich beinhaltet, dass irgendwer in die Adenauerära zurück möchte oder ein Menschenfeind ist

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.