„Erfolge“ des G20-Protestes

Bizarr mutet es an, dass die gemäßigten Plünderungen im hamburger Schanzenviertel vor rund einem halben Jahr, die nun zu Hausdurchsuchungen in der linken Szene geführt haben, von dieser teils als Erfolg gesehen werden. Bizarr ist das Erfolgskriterium: Es habe dazu geführt, so kam mir zu Ohren, dass die Szene enger zusammenrücke in Erwartung der nun auf sie zukommenden Repression. Teilen der Szene erscheint es also als Erfolg, dass mehr oder minder mutwillige Militanz im Umfeld einer Großdemo, bei der u.a. Süßigkeiten (ganz bestimmt ohne Palmfett) und Wodka requiriert wurden, nebst der Zerstörung von Kleinwagen deren Besitzende wahrscheinlich dem linken Spektrum zuzurechnen sind, als Schmiermittel zur Solidarisierung untereinander dient. Der einigermaßen zufällige Kollateralnutzen wird über den Gesamtschaden für linke Positionen aber eben auch Strukturen in einer nach rechts rückenden Gesellschaft gestellt. Dieses Ausmaß an Kurzsichtigkeit bzw. Konzeptlosigkeit ist entwaffnend.

Wenn gesellschaftliche Irrelevanz das Ziel sogenannter radikal linker Politik ist, dann kommt man auf diesem Weg gut voran. Bedenkt man dann noch die oft zueinander völlig inkonsistenten Modethemen der letzten Zeit, die immer noch weiter schwelen, ist zu befürchten, dass nach der aktuellen Repressionswelle, diese wieder aufflackern und sich die üblichen Grabenkämpfe herausbilden werden. Je weniger die guten – oft durchaus einem sehr breiten Publikum vermittelbaren – linken Ideen Gehör finden, umso revolutionärer fühlt man sich paradoxerweise. Die Modethemen jedoch finden ihren Weg ins politische und wirtschaftliche Establishment, ohne dass die linke Szene davon Notiz zu nehmen scheint. Politisch links wird dadurch gewissermaßen gesellschaftlich neutralisiert, was von der Linken selbst vorangetrieben wird.

Vielleicht fehlt mir dieses „No future“ Lebensgefühl der 1970er/80er, um die Militanz um der Militanz willen nachvollziehen zu können. Man könnte dies eventuell so formulieren: Weil der Atomkrieg sowieso vor der Tür steht, muss unmittelbar etwas geschehen ganz gleich, ob die Bevölkerung mitziehen würde oder nicht. Eine langfristige Perspektive spielt unter dieser Voraussetzung keine Rolle. Auch wenn sich die Zahl der Atomwaffen seither kaum verringert hat, ist dieses Gefühl nicht mehr vorhanden, aber die zugehörige Praxis hat sich quasi verselbständigt, die anfangs auch gewisse Erfolge zeitigte. Inzwischen ist sie in meinen Augen revisionsbedürftig. Sicher, der nächste Gipfel für den nächsten Krawall kommt bestimmt, so dass man nicht untätig herumsitzen muss, aber Karneval ist auch jedes Jahr.

Auf linker politischer Seite gibt es genug Argumente, um sich gegen ein kapitalistisches „Weiter so“ zu wenden. Auch gegen rechte Positionen lässt sich argumentieren, ohne allzu viel Moralinsäure unterzumischen. Dann aber kommen die schwierigeren Fragen, die die Stärken des Kapitalismus betreffen, die viel mit dem „American Dream“ und ähnlichem zu tun haben. Wie können z.B. indiviualistisches Streben und die Interessen der Gesellschaft anders austariert werden als bislang? Man erkennt leicht, wie schwierig es ist, dafür eine adäquate Lösung zu finden. Quasi Standard ist, sie auf nach der Revolution als „großem Knall“ zu vertagen, statt sie eher langfristig strategisch mit Zwischenschritten anzulegen.

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