Die Grünen und die „Wirklichkeitshärtung“

Letztens kam heraus, dass sich die Grünen kaum Gedanken über das Problem der Versorgungssicherheit bei der Stromversorgung gemacht haben, sondern nur Gigawatt-Forderungen erhoben. Wirklichkeitshärtung nennen sie das. Eigentlich wollte ich mich in der Frage gar nicht bestätigt sehen, dachte vielmehr, dass sie etwas in petto hätten. In den rund 40 Jahren seit ihrem Bestehen ist die Ökopartei noch nicht darauf gekommen, dass wir in den Industrieländern dann Strom verbrauchen, wenn wir ihn nutzen wollen oder auch müssen, nicht dann, wenn die Windstärke oder die Sonneneinstrahlung es zulässt. Das ist schon eine reife Leistung in Wohlfeilheit, zumal ihre Wähler*innenklientel sich hauptsächlich aus Besserverdienenden rekrutiert, die also mitunter durchaus die Ressourcen hätten bzw. bereitstellen könnten, sich ernsthafter mit der Energiewende auseinanderzusetzen, als auf arg vergröberte Statistiken zum Ökostrom zu verweisen.

Jedenfalls kann ich mir kaum vorstellen, dass außerhalb eines – sagen wir – Treckingurlaubs der Großteil der grünen Wählerschicht die morgendlichen Verrichtungen im Winter bei Flaute ohne elektrisches Licht erledigt. Dafür – würden die Umweltbewegten womöglich antworten – verzichten sie auf irgendetwas anderes und wenn alle diesen Verzicht leisten würden, sähe die Welt schon anders aus. Das Problem mit der Verfügbarkeit elektrischer Energie ist aber mit der Zurschaustellung der eigenen umweltmoralischen Überlegenheit nicht aus der Welt geschafft. Sie stellt eine bequeme Ersatzhandlung dar, die noch dazu ziemlich hochnäsig daherkommt, wenn man bedenkt, dass das Ökokonsummuster nur für einigermaßen gut Betuchte eine Option ist.

Meines Wissens gibt es eine kleine Insel in Dänemark, die sich energieautark machen konnte, indem sie für die Grundlast ein Strohkraftwerk betreibt. Die Abwärme wird bei Bedarf für die Heizung der Wohnungen benutzt. Wenn ich mich recht entsinne, exportieren die Insulaner einen Teil der Windenergie und können damit die Wartung bzw. Erneuerung ihrer Kraftwerkseinrichtungen bezahlen. Von einer Ökopartei hätte ich erwartet, dass sie versucht, die Skalierbarkeit des dänischen Beispiels zu prüfen. Die Naivität der parteigewordenen Umweltbewegung erfüllt mich daher zunehmend mit Schrecken. Wenn nämlich die bildungspolitischen Aktivitäten der Grünen auf ähnlich fundierten Analysen beruhen wie die Energiepolitik, dann wundert mich an den teils kolportierten Ergebnissen nichts mehr.

Entgegen der neoliberalen marktwirtschaftlichen Unübersichtlichkeit wäre ein Plan für die Energieversorgung gar nicht das Schlechteste, aber dazu müsste man einen Bedarf ermitteln. Man bräuchte ferner Konzepte für einen Übergang, der vielleicht sogar in den Blick nimmt, dass viele Arbeiten bei Lichte besehen unnötig sind. Ich käme z.B. ganz gut ohne diese gefühlt immer mehr werdenden Jahrmärkte im Herbst ganz gut klar, für deren Auf- und Abbau jede Menge Energie drauf geht usw.. Man müsste sie nicht verbieten, könnte sie aber einfach höher besteuern.

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