Von „Laberfächern“ und „volkswirtschaftlichem Nutzen“

Der Begriff im Titel wird gerne benutzt, um alle Formen von menschlicher Betätigung vor allem an Hochschulen abzuwerten, bei denen kaum potentiell privatwirtschaftlich verwertbare Produkte aus der wissenschaftlichen Arbeit entstehen, oder mit denen kein (vermeintlicher) Bedarf an universitär bzw. staatlich abgeprüftem Sachverstand gedeckt wird. Medizin, Jurisprudenz, BWL, VWL und Naturwissenschaften (inklusive Informatik und Mathematik), Ingenieurwesen bis hin zur Architektur gelten als „vernünftig“, den volkswirtschaftlichen Nutzen mehrend, während die übrigen Sozialwissenschaften und philosophische Fakultäten als überflüssig angesehen werden. Dieses – mit Verlaub – kleinkarierte Stereotyp hält keiner kritischen Überprüfung stand, ist aber hartnäckig nicht zuletzt, weil Denkfaulheit außerhalb der Gelderwerbssphäre gerade auch bei „Leistungsträgern“ recht weit verbreitet zu sein scheint.

Wer – wie meine Wenigkeit – mal in einem VWL-Studium saß, kann ein Liedchen davon singen, dass man auch mit mathematischer Virtuosität verdeckt Ideologie verbreiten kann, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das schlimmste, was man in der gelebten universitären Wirklichkeit bei Wirtschaftswissenschaftlern tun kann, ist den Leuten vorne am Pult zuzuhören, wenn sie etwa äußern, dass sie selbst nicht wüssten, was der Sinn eines VWL-Studiums überhaupt sei, während sie zugleich Vorsitzende des Prüfungsausschusses sind. Da kann man schon mal eine leichte Sinnkrise bekommen, während der Rest den kicker o.ä. durchblättert und nichts mitbekommen hat, weil’s eh nur auf die Klausur ankommt. Dennoch ist ein VWL-Studium aufgrund diverser Vorurteile weit angesehener als die meisten anderen gesellschaftswissenschaftlichen Studiengänge, obwohl man laut Aussage einiger Professoren dort nichts brauchbares lernt, vielleicht auch gerade weil man dort nichts lernt, außer Diagramme und Infinitesimalrechnung in Hochgeschwindigkeit auf’s Papier zu bringen.

Doch auch die Naturwissenschaften sind nicht unbedingt so brauchbar, wie immer wieder getan wird. Wer in der theoretischen Astrophysik tätig ist, liefert nicht zwingend „volkswirtschaftlichen Nutzen“. Die Beispiele ließen sich endlos fortsetzen, was müßig wäre. Die eigene Bezugsgröße des „volkswirtschaftliche Nutzens“ jedoch wird von jenen Kreuzrittern wider die „Laberfächer“ meistens nicht hinterfragt. Worin besteht denn dieser ominöse Nutzen? Bringen Werbeagenturen etwa volkswirtschaftlichen Nutzen oder Waffenproduzenten, die mit ganz harten naturwissenschaftlichen Fakten möglichst viel potentielles menschliches Leid anrichten sollen? Bedeutet die Zunahme des Luftverkehrs in den letzten Jahrzehnten eine Zunahme oder eine Abnahme der genannten Bezugsgröße.

Man sieht an den oben genannten Beispielen schnell, dass die Eindeutigkeit im Bereich gesellschaftlicher Fragestellungen nur äußerst selten gegeben ist, wie sie oft in technisch-naturwissenschaftlichen Fächern anzutreffen sein mag. Die Anmaßung der selbsternannten Leistungsträger ohne jede eigene Denkanstrengung auf Boulevardzeitungsniveau mal eben den Nutzen dieser oder jener universitären Ausbildung bestimmen zu können, ist schon beachtlich. Das heißt aber noch lange nicht, dass man alle Entwicklungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften gutheißen muss, wenn es etwa um Genderstudies und ähnliche Stilblüten geht. In letzter Zeit drängen sie sich in den Vordergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit und bringen so ganze Fakultäten in Verruf. Die Kritik an ihnen ist daher nur zu berechtigt, sollte aber nicht mit dem Totschlagargument des „Laberfachs“ betrieben werden. Diese Ideologien entlarven sich in ihrer Widersprüchlichkeit oft selbst, wenn man die Vertreterinnen des Fachs in die entsprechende Richtung lenkt.

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