Flassbeck empfiehlt: Eine prokapitalistische Partei links von der SPD

Einer der letzten Mohikaner des Keynesianismus in Deutschland, Flassbeck, sucht die Gegner seiner Phantasie von der Rückkehr zum rheinischen Kapitalismus und konzertierten Aktionen wieder einmal in den Reihen der breiteren Linken. Die – zugegeben – verqueren Versuche von Konicz seine Melange aus Weltsystemtheorie und Wertkritik mit den meistens identitätspolitisch gefärbten Themen der Bewegungslinken zusammenzubinden, um so eine systemüberwindende Perspektive zu eröffnen, überschätzt er meines Erachtens in ihrer Breitenwirkung. Manchmal verstieg sich Konicz sogar dazu, Meldungen aus der Naturwissenschaft dialektisch im Sinn der Wertkritik zu interpretieren (der Artikel findet sich bei telepolis, bin gerade zu faul ihn herauszusuchen). Nur sollte ein Journalist, der bisweilen etwas krause „Theorietransfers“ betreibt, kein Grund sein, alles, was irgendwie mit Marx zu tun hat, für volksverschreckendes Teufelswerk zu halten. Marx beschäftigte sich vornehmlich mit der Analyse des Kapitalismus seiner Zeit, machte dabei auch Fehler, hat aber auch manches schon erkannt, was Keynesianer ihrem Meister zuschreiben.

Die darauffolgende undifferenzierte Soziologen- und Politologenschelte zeigt leider aber eindrücklich, dass Flassbeck sich den meisten Traditionen der Gesellschaftskritik vollends verschließt und wiederum den Staat bzw. Politiker am Ruder „ein[es] System[s] aus einigen Märkten, einem mächtigen Staat und einer gewaltigen gesamtwirtschaftlichen Dimension“ beschwört. Unter Mitterand Anfang der 1980er wurde meines Wissens zum letzten Mal in einem mächtigen Industrieland der Versuch unternommen, genau diese Konstellation herbeizuführen. Doch beim Versuch blieb es weitgehend. Mitterand soll nach dem Scheitern des Versuchs zu seiner Frau gesagt haben, dass er zwar das Präsidentenamt aber nicht die Macht übernommen habe.

Aber mit solchen historischen Spitzfindigkeiten beschäftigen sich Nachfragetheoretiker nicht. Sie sind schließlich Theoretiker, für die Theorie im Dienste des Wahlkampfes zu stehen scheint, was sie von anderen Theoretikern unterscheidet. Geschichte spielt daher nur dann eine Rolle, wenn sie die eigene Sichtweise stützt, alles andere wird unter den Teppich gekehrt. Ansonsten bleiben sie so ahistorisch wie ihre Feinde aus der Neoklassik. Die blasiert wirkende Oberflächlichkeit von Flassbecks letztem Rundumschlag lässt ihn noch nicht einmal wahrnehmen, dass Paul Mason, Autor des Buches „Postcapitalism“ – ein Begriff, über den sich Flassbeck ebenfalls mokiert -, die Labour Party aktiv im vergangenen Wahlkampf unterstützte. Komisch, dieser Wahlkampf war recht erfolgreich, obwohl dort jemand mitwirkte, der ein Ende des Kapitalismus‘ in Erwägung zieht. Nach Flassbeckscher Logik hätte dies der Sargnagel auf Labours Wahlchancen sein müssen, doch konnte Labour einen Überraschungserfolg verbuchen, ohne Leute, die das kapitalistische System nicht mehr für zukunftsfähig halten, auszuschließen. Was aber, wenn Labour gerade deswegen Erfolg hatte? Nicht auszudenken…

Genau dies aber empfiehlt der Meisterdenker der Makroökonomie einer Partei links von der SPD, obwohl alle Evidenz aus England gegen seine Empfehlung spricht. In seinem Fall scheint es sich quasi um die Verwechslung von Theorie und Wahlkampf bzw. -programm zu handeln. So gut Flassbeck die Neoklassik mit Hilfe der Saldenmechanik auseinandernehmen kann, so engstirnig wirken seine Einlassungen gegenüber vermeintlichen linken Störenfrieden, die er noch nicht einmal versucht zu verstehen. Hingegen geht er ganz locker über die Widersprüche bzw. Unklarheiten der Makroökonomik hinweg. Mit Verlaub, das ist kein guter Stil!

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