Unerwünschte Einstellungen und kapitalistische Herrschaft

Beliebt in bewegungslinken Zusammenhängen ist die diffuse Vorstellung, dass alle von ihnen geführten „Kämpfe“ zusammen, eine bessere Welt hervorbringen würden. Nach mindestens vier Jahrzehnten dieser Art von Praxis sollte vielleicht aufgefallen sein, dass sich nichts dergleichen bislang ereignete, auch wenn zuweilen sehr viele Menschen auf der Straße waren. Die Mächtigen haben ihr Ding etwa im Fall des Irakkrieges von 2003 trotzdem durchgezogen.

Der Versuch Koniczens in seiner Replik an Häring die Flüchtlingshilfe mit wertkritischem Antikapitalismus zu verbinden, zäumt das Pferd von hinten auf und landet in derselben Sackgasse. Flüchtlingen zu helfen, bedeutet im Rahmen der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in erster Linie Geld zu sammeln. Wenn man aber die antikapitalistische Auffassung vertritt, dass die Vergesellschaftung über Geld bzw. Wert, der irgendwie die Preise dominiere (vgl. hier), das zentrale Problem unserer „Zivilisation“ ist, dann wird deutlich, dass der Koniczsche Anspruch nicht unmittelbar eingelöst werden kann.

Insgesamt scheinen nur wenige Menschen der Ansicht zu sein, dass Geld problematisch sein könnte. Dieser Aspekt wird ausgeblendet, vielleicht weil er tatsächlich an der Substanz unserer Marktgesellschaft rüttelt. Obwohl die Imperative von Gelderwerb bzw. doppelter Buchführung die Gesellschaft nahezu vollständig durchdringen, wird seine/ihre Funktionsweise kaum thematisiert. Hier besteht noch viel Diskussionsbedarf, den auch die allerneueste Marxlektüre nicht ausräumen wird.

Ob für solche Prozesse geflüchtete Menschen aus anderen Kulturkreisen zu- oder abträglich sind, lässt sich pauschal nicht beantworten. Allerdings ist wohl klar, dass diese Diskussion alle Menschen auf der Erde betrifft, denn nur nach der abdiskontierten Rendite strukturieren die Kapitalisten ihre Agenda, wenn sie sie auch auf dem Weltwirtschaftsforum mit ein wenig Wohltätigkeit garnieren. Dabei spielen Landesgrenzen keine große Rolle, auch wenn es sich nicht zwingend um polyglotte Leute handeln muss. Die Sprache der Rendite ist international!

Auf der anderen Seite, nutzten herrschende Kreise schon bei den alten Griechen die Möglichkeit, die Untertanen z.B. entlang ethnischer Differenzen zu spalten. Dies mag die Hoffnung nähren, durch bspw. „no border, no nation“ Rufe den Kapitalismus zu stürzen. Doch die Vorurteile bekommt man dadurch nicht aus der Welt geschafft. Vielmehr scheint der Kontakt zu Menschen aus anderen Weltgegenden dabei zu helfen. Mit anderen Worten, der Zusammenhang von unerwünschter Einstellung und Kapitalismus ist indirekt, entsteht sozusagen eher über Bande. Inzwischen machen sich die Kapitalisten diese bewegungslinken Anliegen inklusive ihrer bizarren Stilblüten oft zu eigen, wie die Posse um den einen entlassenen Google-Mitarbeiter zeigte.

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