Hippies, die Kapitalismus super finden…

In letzter Zeit traf ich oft auf mitteldeutsche Leute, die man grob den Hippies zurechnen würde, was Musik- und Klamottengeschmack sowie Lebensstil betrifft. Viele erlebten die Wende 1989/90 tatsächlich als Befreiung, konnten endlich die großen Rockbands der Ära des Kalten Krieges auf der Bühne sehen, sich frei auf dem Erdball bewegen nur begrenzt durch das eigene Budget. Lieber einen Kapitalismus, der zwar langsam die Samthandschuhe auszieht, als ein Lethargie und Korruption fördernder real existierender Sozialismus, der zu verknöchert war, so etwas wie Gegenkultur zu tolerieren, war in etwa der Tenor, den ich heraushören konnte.

Obwohl ich der Überzeugung bin, dass die kapitalistische Herrschaftsform abzulehnen ist, ist die beschriebene Sicht der Dinge für mich nachvollziehbar. Ihr Fehler ist – wie so oft -, dass eine falsche Dichotomie von Kapitalismus und dem Parteisozialismus des Ostblocks angenommen wird. Da sich Deutschlands Wirtschaft durch die Exportorientierung seit der Krise 2007/8 im Vergleich zum Rest der Welt noch ganz passabel aus der Affäre ziehen konnte, funktioniert die Apologie des Kapitalismus in Deutschland wohl immer noch besonders gut.

Die einzige adäquate Antwort darauf schien mir, auf die Tendenzen der real existierenden Marktwirtschaft hinzuweisen, durch die sich gewaltige Probleme aufzutürmen beginnen. Warum man diese als Naturgewalten akzeptieren solle, wenn sie doch von Menschen hervorgebracht wurden, war dann meine Gegenfrage. Dass diese Frage noch keine pfannenfertige Lösung beinhaltet, ist zwar richtig, aber die Leugnung ihrer Relevanz wird die Probleme nicht mindern.

Man könnte es auch so formulieren, dass der Kapitalismus während des Ost-West-Konflikts die besseren Unterhaltungsangebote hervorbrachte, und der Vietnamkrieg im Westen zweifelsohne der Krieg mit dem besten Soundtrack war. Im Osten praktizierte man im Gegensatz zum Westen ein konzentriertes Spektakel mit Aufmärschen aber auch hochkulturellen Veranstaltungen (klassische Musik etc.), das dem diffusen Spektakel im Westen letztlich unterlegen war, um es mit Guy Debord auszudrücken.

Offenkundig interessieren sich die Leute in ihrer Mehrzahl nicht für die Auswirkungen des kapitalistischen Systems, sind sie mit dem gebotenen Spektakel doch soweit zufrieden, dass es zur Ablenkung ausreicht. Allerdings könnte sich diese Haltung als fatale Dummheit erweisen, die zwar im System der Marktwirtschaft angelegt ist, aber eigentlich keine valide Ausrede darstellen sollte. Wenn man darüber nachdenkt, wie dem Einhalt zu gebieten wäre, dann wäre ein Ansatz festzustellen, wie der Markt aktuell die Versorgung der Bevölkerung sicherstellt, auch wenn die Unternehmen diese Versorgung im Eigeninteresse verfolgen. Insbesondere die Angehörigen der Hippie-Gegenkultur sind solchen Erwägungen durchaus zugänglich.

Mit ein paar aus moralisch aufgeladener Wut geworfenen Steinen aus irgendwelchen schwarzen Blöcken und der damit oft einhergehenden Weigerung, auch nur einen Schritt über den eigenen bornierten Hypermoralismus hinauszudenken, kommt man jedenfalls nicht weiter.

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