Bricht die „Substanz des Kapitals“ weg?

Zwar hat Tomasz Konicz immer mal wieder interessante Daten und Perspektiven im Köcher, die seine Artikel lesenswert machen, doch verharrt er bei der Wertkritik und somit implizit bei der Arbeitswertlehre, wenn er in seinen jüngsten Artikeln etwa schreibt:

Obwohl Lohnarbeit die Substanz des Kapitals bildet, strebt das Kapital in der marktvermittelten Konkurrenz zugleich danach, die Lohnarbeit möglichst weitgehend durch Rationalisierung aus dem Produktionsprozess zu verbannen.

Es ist wohl kaum bestreitbar, dass es Produktivitätssteigerungen gibt, wenn man nicht den Nachfragetheoretikerinnen anhängt, die diese Beobachtung für Arbeitgeberpropaganda halten. Jedoch sollte nicht vergessen werden, dass Unternehmen in erster Linie Gewinn erzielen wollen und sie bei geringen Lohnkosten nicht zwingend die neueste arbeitssparende Technik einsetzen. Darum korrespondiert der Entwicklungsstand der Technik nicht zwangsläufig mit deren Einsatz. Der Geschäftssinn könnte sozusagen die Effizienzsteigerung der Produktion untergraben, solange die internationale Konkurrenz mit massiven Preissenkungen keinen Strich durch die Rechnung macht.

In Deutschland aber auch z.B. dem Vereinigten Königreich sind große Niedriglohnsektoren entstanden, die die Arbeitslosigkeit niedrig halten konnten. Doch werden die deutschen Industriekonzerne nicht ohne Grund die Industrie 4.0 propagieren. Sie sehen sich also schon dazu genötigt, das Automatisierungspotential zumindest soweit zu entwickeln, dass es für die marktreife Produktion taugt, um nicht das Feld der internationalen Konkurrenz überlassen zu müssen.

Die Produktivitätssteigerungen sind meines Erachtens ganz wesentlich über Konkurrenz oder die Angst vor Konkurrenz vermittelt und werden sich deswegen nach und nach durchsetzen, ohne dass man eine empirisch nicht überprüfbare Substanz des Kapitals, die unter der Oberfläche in der gesellschaftlich notwendigen abstrakten Arbeitszeit besteht, annehmen müsste. Daher kann man trotzdem davon ausgehen, dass ein immer größerer Teil der Weltbevölkerung ökonomisch über kurz oder lang nicht mehr gebraucht werden wird, obgleich die meisten erwerbstätigen Menschen überzeugt sein dürften, nicht überflüssig zu werden.

Der Kapitalismus wird nicht daran scheitern, dass er immer weniger lebendige Arbeit in der Produktion vernutzt und deswegen irgendwie seine Substanz verliert. Er kann womöglich mit einer weitaus geringeren Zahl von Menschen auskommen, während sich die Übrigen nur zurecht ausgeschlossen fühlen müssen. Ihnen bleibt dann vielleicht noch eine Existenz irgendwo im niedrig entlohnten Dienstleistungsbereich, doch wird ihr Sozialstatus absinken. Die Frage wird sein, ob sich auch auf globaler Ebene diese Haltung durchsetzen wird. Bei uns hat sie dank engagierter Meinungsmache und vorhandenen Vorurteilen hervorragend verfangen jedoch eher, weil der Vergleich mit dem Rest der Welt die Verhältnisse in deutschen Landen so blendend aussehen lässt.

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