Zur Senkung der „fremdverwirklichenden“ Arbeitsmoral

Ein im letzten Beitrag etwas unterschlagener Aspekt von Befehl-Gehorsam-Strukturen ist, dass die Gewohnheit daran das Gehirn entlastet. Viele Menschen sind – so scheint es – nicht in der Lage sich selbst auszuhalten und sich Ziele zu setzen, die ihnen niemand anders vorgibt. Allem Anschein nach könnte sehr viel überflüssige Schufterei schon heute wegfallen, doch würden viele von der Arbeitsgesellschaft zugerichtete Menschen dies noch gar nicht aushalten, weil ihre ganze Persönlichkeit daran hängt, Befehlen Folge zu leisten. Sie haben dabei vielleicht nicht im Wortsinne Spass, aber sind auch nicht zwingend unglücklich damit, weil es der Norm einer Arbeitsgesellschaft entspricht. Wer jedoch aus dieser Norm herausfällt, wird scheinbar reflexhaft angefeindet.

Im Gegensatz zum Selbstverwirklichungsansatz werden die meisten hierzulande quasi „fremdverwirklicht“, ohne dass sie daran groß Anstoß nähmen. Ganz ähnlich wie manch Polizist davon träumt, im Ausland verwendet zu werden, möchten auch viele Menschen aus der übrigen Arbeitsbevölkerung schlicht benutzt werden. Der Vorteil eines ausgefüllten Arbeitstages ist, dass Gedanken gar nicht erst aufkommen können. Das zentrale Nervensystem wird vielleicht noch zum Small Talk benötigt und verkümmert ansonsten ziemlich ungenutzt bis zur Rente, die nach den Vorstellungen des BDI aber erst mit 80 kommen soll.

Die Gesellschaftsmaschinerie erfüllt somit für viele ihrer Insassen den Zweck, niemals auch nur einen überindividuellen Gedanken fassen zu müssen. Die Konkurrenz der Unternehmen in dieser inzwischen weltumspannenden Maschinerie sorgt in den Industrieländern dafür, dass der Lebensstandard für die Subalternen stetig etwas ansteigt, was die Zahl der Produkte etc. angeht, die sie kaufen können, und die Produktionstechnik mehr oder weniger auf dem neuesten Stand gehalten werden muss, wollen die Unternehmen nicht eines Tages von der Konkurrenz überholt werden. Mehr als gegen Geld weiter beschäftigt zu sein, muss die Mehrzahl der Menschen gar nicht interessieren.

Der italienische Schriftsteller Primo Levi bemerkte sinngemäß einmal, dass ihn am deutschen Nationalsozialismus nicht so sehr die vereinzelten Sadisten erschreckten als vielmehr die Menschen, die einfach nur stumpf einer eingeübten Routine folgten, sich über die Auswirkungen ihres Gehorsams noch nicht einmal im Klaren waren. Die Routinen sind eben Teil einer maschinenförmig ablaufenden Vergesellschaftung, die der Kapitalismus mit sich bringt.

Bevor auch nur an eine Bewegung für Arbeitszeitverkürzung gedacht werden kann, müsste die Krankhaftigkeit des Arbeitsfetischismus stärker ins Bewusstsein rücken. Mentalitätsmäßig noch schwieriger wäre es in meinen Augen, ein bedingungsloses Grundeinkommen zu fordern, weil es die Gewohnheiten noch stärker infrage stellte, als es schon eine deutliche Reduzierung der Arbeitszeit täte. Beide Ziele müssen indes eingebettet werden in einen größeren Zusammenhang politischer Ideen, die der beschriebenen Hirnlosigkeit entgegenwirken.

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