Für die Senkung der selbstverwirklichenden Arbeitsmoral

Angeregt durch einen Vortrag von Nick Srnicek möchte ich seine Vorschläge zur Entwicklung einer linken Zukunftsperspektive ergänzen. Es mag auch Unterschiede zwischen der britischen Arbeitsmoral und der teutonischen geben, doch erscheint mir das widersprüchliche Verhältnis zur Arbeit im Kapitalismus allgemein genug zu sein, um sich diesem widmen zu können ohne Rekurs auf kulturelle Besonderheiten. Dennoch bleibt meine Sicht von der deutschen Kultur geprägt und kann sich in Ermangelung eines sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts nicht auf empirische Erhebungen mit korrekt konstruierten Fragebögen stützen sondern nur auf meine Eindrücke vom durch Medien und den Mitmenschen hervorgebrachten Zeitgeist.

Gerade die professionellen Medienschaffenden scheinen oft vom Gedankenvirus der Selbstverwirklichung befallen, der irgendwann in den 1980er/90er Jahren aufkam und in etwa bedeuten sollte, dass Arbeit nicht allein Gelderwerb sondern auch sinn- und identitätsstiftend sein sollte. Vorbilder schienen z.B. Lifestyle-Unternehmen, die sich an neuen Trendsportarten eine goldene Nase verdienten, zu sein. Dass damit kaum jemand gemeint sein konnte, der bspw. sein Arbeitsleben mit dem Presslufthammer zubringt, wurde selten zur Sprache gebracht. Normalerweise freut sich niemand wie Bolle, wenn morgens der Wecker klingelt und man für die Mehrung des Gewinns anderer um des eigenen Überlebens willen zu seiner Arbeitsstelle muss. Mit Selbstverwirklichung konnte daher nur ein geringer Teil der arbeitenden Bevölkerung gemeint sein. Dass sich Publizistinnen, Journalistinnen usw. zu dieser privilegierten Schicht zählen, weil sie tatsächlich hauptsächlich Spass an ihrem Job haben, mag sein, doch sollte man dieser Zunft immerhin abverlangen, nicht von sich auf andere zu schließen, was ihnen offenkundig schwer fällt.

Geht man davon aus, dass die meisten ihren Job als Geldquelle sehen und die wenigsten mit Spass in den Backen aufstehen, um sich frisch, fromm, fröhlich frei ans Werk zu machen, kann man wohl konstatieren, dass der Job für die meisten im Grunde ein Joch ist. Allein, bis weit in die 1990er Jahre war es noch nicht üblich, in Arbeitslosen Schuldige zu sehen. Dass diese Propaganda so gut verfing, liegt wohl daran, dass Arbeit nach wie vor keinen Spass macht. Wäre es umgekehrt, wären die Arbeitslosen aus Sicht der arbeitenden Bevölkerung eher zu bedauern, dass sie nicht den größten Teil ihrer Zeit herumkommandiert werden. Dass sich die Arbeitslosen diversen Schikanen ausgesetzt sehen, die es vor HartzIV noch nicht in dem Umfang gab, begrüßen darum wahrscheinlich auch noch viel zu viele Menschen hierzulande.

Stimmt man dem Ziel Nick Srniceks zu, dass Menschen möglichst wenig stupide entfremdete Arbeit verrichten sollen müssen, sollten Zweifel an der Arbeitsgesellschaft gesät werden. Die Forderung nach einem Grundeinkommen wird ansonsten daran zerschellen, dass sie als utopisch empfunden wird. Mit Argumenten ist dem Grundgefühl, dass dann keiner mehr arbeiten würde, meiner Erfahrung nach kaum beizukommen. Dagegen gilt es, zunächst einmal herauszustellen, wie unsinnig die Arbeitswelt selbst von einer rational-bürgerlichen Warte betrachtet eingerichtet ist. Dazu gehören Fragen wie: Sind die gesellschaftlichen notwendigen Tätigkeiten wirklich gut bezahlt? Dass alles, wofür es Geld gibt, per se eine sinnvolle Beschäftigung ist, gehört ebenfalls auf den Prüfstand.

Auch wenn man Arbeitszeitverkürzung für eine Variante hält, die sich leichter mit der marktwirtschaftlichen Lebenswirklichkeit verträgt, wäre eine Abkehr von der angeblich so sinnstiftenden Befehl-Gehorsams-Struktur der ökonomischen Mikrodiktaturen – nichts anderes sind Unternehmen – diesem Ziel zuträglich. Leider sind viele Sozialdemokraten immer noch der Ansicht, dass Arbeit ein Wert an sich sei, so stupide sie auch sein mag.

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