Kulturredaktionen und Logik: Dichterinnen-Schutzraum „Octavia“

Deutschlandradio Kultur strahlte unlängst einen Bericht über eine Dichterin aus, die Mitglied im nicht-weißen Dichterinnen-Schutzraum „Octavia“ ist. Die Anmoderation zeichnete zuvor ein Bild offener werdenden Rassismuses auf den britischen Inseln, seit der Brexit beschlossene Sache ist. Der Bericht selbst aber legte ungewollt eher die Widersprüche des Schutzraumansatzes bloß und hatte mit dem rassistischer werdenden Meinungsklima in Good Old England weniger zu tun.

Vielmehr stellte die interviewte Dichterin fest, dass weiße Kulturmanagerinnen nicht-weiße Künstlerinnen oft einlüden, ohne deren Werk zu kennen, um eben nicht als rassistisch zu gelten. Die künstlerische Qualität der nicht-weißen Kunst sei dadurch oftmals nicht gewährleistet, was nicht-weiße Kunst in ein schlechtes Licht rücke und deswegen unbeabsichtigt rassistisch sei. Daraufhin schufen die nicht-weißen Dichterinnen ihren Schutzraum. Ziel des Schutzraumes aber sei die eigene Abschaffung, weil die Repräsentation der nicht-weißen Bevölkerungsanteile im britischen Kulturbetrieb u.a. mittels des Schutzraumes zur Selbstverständlichkeit werden solle.

Die im Kulturbetrieb beschäftigten Leute haben laut des Interviews eher Angst um ihre Reputation, wenn sie eine ungeschriebene „People of Color“-Quote nicht einhalten. Kulturpolitisches Ziel des Schutzraums ist offenbar die Quote noch selbstverständlicher und zugleich präziser die Bevölkerungsanteile von Gruppen mit bestimmten Merkmalen widerspiegeln zu lassen. Der Gedanke, dass es wahrscheinlicher ist, dass aus einer gesellschaftlichen Minderheit in einem Jahr mal nichts „künstlerisch wertvolles“ veröffentlicht wird, weil es zahlenmäßig wenig künstlerisch Tätige aus dieser Gruppe gibt, scheint im Schutzraum noch nicht Raum gegriffen zu haben. Ferner beißt sich der Begriff Selbstverständlichkeit nach meinem Empfinden mit einer statistischen Quotierung nach Bevölkerungsanteilen.

Wer meint einen Schutzraum zu brauchen, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen oder um einfach offen über seine Probleme reden zu können usw., soll daran nicht gehindert werden und wird meines Wissens in Westeuropa nirgends daran gehindert. Tja, und wenn die Dichterin betont, dass im Schutzraum hauptsächlich über Sex gedichtet werde und nicht über Rassismus, was die Leute irritiere, dann ist wohl das Ziel Aufmerksamkeit in diesem speziellen Schutzraum vorrangig. So what? Dass es logisch nur Minderheiten geben kann, wenn es Mehrheiten gibt, dass womöglich die Mehrheitsgesellschaft auch größeren Einfluss darauf haben dürfte, was als Kunst gilt und was nicht, lässt sich durch einen Schutzraum nicht ändern. Die basale Logik dahinter aufzuheben, ist leider prinzipiell unmöglich. Irgendwie scheint dieser Versuch der Weiterentwicklung des Antirassismus daher ein Schuss in den Ofen zu sein.

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