Wie protestiert man sinnvoll gegen die bestehende Weltordnung? (Update)

Ohne Prophet zu sein, waren die Bilder, die die linken Krawallbrüder und -schwestern samt mutmaßlichen Agents provocateurs, den Konservativen beim G20 in HH lieferten, erwartbar. Gesetzt der Fall, die Demoleitungen konnten bei der Planung bis drei zählen, so mussten sie die sich einstellenden dummlinken Aktionen mit einplanen. Sie mussten ferner damit rechnen, dass somit eine ganze politische Richtung mit Schmutz beworfen werden würde, dass die Demos und sonstigen Aktionen im Grunde nur die Begleitmusik für eine Art systemstabilisierenden medialen Hype um die Gewalt von links liefern würden. Das mögen die Aktivistinnen vielleicht zurecht für unfair halten, weil bei einem Fußballspiel auch nicht alle Fans mit den Hools in einen Topf geworfen werden. Absehbar waren die entsprechenden Reaktionen trotzdem und wer zudem eine Demo „Welcome to Hell“ nennt, weiß auch, dass nicht nur Kinder von Traurigkeit von solchen Slogans angezogen werden würden.

Angenommen, die FR liegt mit ihrer Einschätzung richtig, dass die Proteste sich inhaltlich im wesentlichen gegen die bestehende Weltordnung richteten, die Verbindung zu den Inhalten des G20-Gipfels also eher als lose zu bezeichnen wäre, welchen Effekt wollte man erzielen?
Das Risiko, dass die Macht der Bilder von geplünderten Geschäften und brennenden Autos jeglichen Inhalt überschatten würde, wurde vermutlich bewusst eingegangen. Bestand aus irgendwelchen Gründen Anlass zu der Annahme, dass es nicht so kommen würde, wie es kam? Liefen in der Vergangenheit nicht ähnliche Veranstaltungen ähnlich ab? Kann man wirklich so protestgeil und betriebsblind sein, seine Energie darauf zu verschwenden, den Regierenden indirekt Vorwände zu liefern noch ein paar mehr Gesetzesverschärfungen zu erlassen?

Die Weltordnung hat sich vor und nach dem Gipfel nicht groß verändert, Protest dagegen ließe sich völlig unabhängig vom Terminkalender des Polit-Establishments organisieren. Doch tun sich beim ersten Nachdenken über die bestehende Weltordnung schon eine Reihe von Problemen auf, die zunächst einmal nicht besonders parolentauglich erscheinen. Wie schafft man es, dass die zunehmende soziale Ungleichheit innerhalb der Zentrumsländer des Kapitalismus nicht gegen die globale Ungleichheit der Zentren zur Peripherie ausgespielt wird? Den Benachteiligten hier zu empfehlen doch bitte ihre Privilegien zu checken und sich nicht so anzustellen, kommt mir jedenfalls wohlfeil und geradezu viktorianisch vor. Ehe man nicht auf den Schirm bekommt, wie mit diesen Schwierigkeiten umzugehen wäre, kann man sich in meinen Augen die Energie sparen, tausende von Leuten von weit her zentral einzuquartieren, um irgendwelche Parolen zu rufen.

Wie schon bemerkt, sind für mich die linkssozialdemokratischen Mehrheiten unter jungen Leuten, die sich bei den Wahlen in Großbritannien und Frankreich ausbildeten, ein erster Silberstreif am Horizont. Das Beispiel Griechenlands ist freilich Warnung genug, nicht allzu viel Hoffnung damit zu verknüpfen. Allein, es zeigt sich, dass viele aus der jüngeren Generation die Alternativlosigkeit leid zu sein scheinen, ohne dass sie ein verfestigtes Weltbild hätten.

Nachtrag: Das „Welcome to Hell“-Bündnis ist der Ansicht, dass „zielgerichtete Militanz“ ein Mittel sei, um „über eine rein symbolische Protestform hinauszukommen“, damit verändernd in Ereignisse, Prozesse und Entwicklungen eingegriffen werden könne. Wenn aber diese „zielgerichtete Militanz“ wirkungslos verpufft und den symbolischen Protest noch dazu erwartbar überschattet, dann hat sie genau welche Ereignisse, Prozesse und Entwicklungen zu genau welchem Zweck beeinflusst? Glaubt dieses Bündnis ernsthaft, Deutschland stehe kurz vor der Revolution? Irgendetwas muss da in der Selbsteinschätzung der eigenen gesellschaftlichen Relevanz schief gelaufen sein…

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