Zur massenmedialen Bevormundungstendenz

Die im letzten Beitrag schon angesprochene bevormundende Tonart der veröffentlichten Meinung insbesondere im Staatsfunk fiel mir letzten Sonntag während der Publikumsaudienz des Presseclubs noch einmal ganz besonders auf die Nerven. Thema war der Niedergang der mitte-links Parteien, auch als sozialdemokratische Parteien bekannt, in Europa und die Wahlkampftips, die die versammelten Journalistinnen vom Presseclub Martin Schulz mit auf den Weg geben würden, obgleich alle der Ansicht schienen, dass Merkel ohnehin wieder Kanzlerin werden würde. Entsprechend irrelevant wirkten die Tips, etwa wie Macron für mehr Frauen im Parlament zu werben, LBGTQ*-Rechte mit in die Rhetorik einzuflechten etc.. Ob diese Themen Macron tatsächlich zum frz. Präsidenten werden ließen, sei einmal dahingestellt.
Wichtig ist, dass der Tenor der versammelten Repräsentanten der veröffentlichten Meinung war, dass für Schulz und seine SPD bei der Bundestagswahl nicht viel zu holen sein würde, sie keine andere Politik von einer SPD-Regierung erwarten würden, ihnen auch nicht mehr einfiele als identitätspolitische Themen aufzugreifen, um sich überhaupt von der CDU abgrenzen zu können. So jedenfalls war mein Eindruck von den letzten Minuten der Sendung. Den ganzen Verlauf der Diskussion habe ich nicht mitbekommen.

Der letzte Anrufer bei der anschließenden Audienz hatte womöglich denselben Eindruck wie meine Wenigkeit vom Meinungsbild der Runde und stellte daher die grundsätzlichere Frage, wie die Anwesenden Angela Merkels Rede von der marktkonformen Demokratie interpretieren würden. Die Reaktion darauf war dann für mich doch überraschend. Mit keinem Wort wurde auf die Frage eingegangen, sondern sogleich dem Zuhörer unterstellt, dass dieser eigentlich habe sagen wollen, dass die Journaille insgesamt Angela Merkel nicht ausreichend kritisiert hätte, was einer von ihnen lautstark zurückwies. Dann war die Sendezeit auch schon um, ohne dass der Anrufer noch Gelegenheit bekommen hätte, seine Frage vielleicht etwas zu erläutern. Was blieb, war der Eindruck, dass die arrivierten Vertreterinnen der veröffentlichten Meinung sehr schnell auf Publikumsbeschimpfung umschalten, wenn ihnen eine Frage nicht passt. Andererseits entlarvten sie damit, dass sie selbst eine Pro-Merkel-Verzerrung in der Berichterstattung wahrzunehmen scheinen, nach der der Anrufer gar nicht gefragt hatte.

Die Gründe für die Meinungseinfalt in der Medienlandschaft kann man sich leicht ausmalen. Der sanfte Druck des eigenen finanziellen Überlebens lässt kaum alternative Meinungen zu, zumal auf dem Weg zum politischen Welterklärbär diverse Filterprozesse (Journalistenschulen, Assessmentcenter etc.) zu durchlaufen sind. Nicht einmal die Interpretation der Worte der von ihnen bevorzugten Kanzlerin trauen sie sich zu. Die Erklärbären können also nicht gefahrlos die Politik erklären, für die sie mehrheitlich seit nunmehr rund 20 Jahren eintreten, weil sie Gefahr liefen die Maske des um Objektivität bemühten freien Journalisten fallen zu lassen. Diesen Eindruck vermögen sie auch mit der hundertsten Sendung gegen Verschwörungstheorien nicht zu zerstreuen, weil rein mikroökonomische Erwägungen schon völlig ausreichend sind, um sich die einfältige Vielfalt der Journaille zu erklären.

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