Neoliberalismus oder Auf dem Rückweg in die gute alte viktorianische Zeit II

Nachdem im letzten Beitrag die Rede war von den Zielen, soll nun zur Sprache kommen, welcher Methoden sich das neoliberale Denkkollektiv bedient, um sie zu erreichen. Kaum jemand liest sich die Schriften eines Hayek durch, die nicht frei sind von Ungereimtheiten. Was Hayek aber schon ins Auge fasste, war die Vorstellung, dass der Kampf um die kulturelle Vorherrschaft auf mehreren Ebenen geführt werden müsse. Auf der Ebene der politischen Philosophie wären seine Schriften anzusiedeln, auf der Ebene der „second hand dealers“ wirtschaftswissenschaftliche Fakultäten, Schulen und entsprechende Veröffentlichungen von „Think Tanks“, die auf der dritten Ebene die Begriffe der öffentlichen Debatte bestimmen.

Auf diese Weise werden Ideen verbreitet, deren Zusammenhang nicht klar erkennbar ist, die die Meinungen des Publikums in die neoliberale Richtung steuern sollen. So war die Rede von der sozialen Hängematte, in der es sich die Arbeitslosen bequem gemacht hätten, wurde die Mär von den zu hohen Lohnnebenkosten in Deutschland während der ganzen 1990er Jahre erzählt, wurde vom Reformstau in Deutschland gesprochen, der nun endlich aufgelöst werden müsse etc.. Wenn man länger im Gedächtnis kramt, kommen bestimmt noch mehr solch arbeitgeberfreundliche Ideen in den Sinn, die eben auch auf das Selbstbild der Marktgesellschaftsmitglieder zielen und zielten. Die Arbeitslosigkeit als persönliches Versagen in den Köpfen der Plebs zu verankern, war wohl ein wichtiges Etappenziel, das der Neoliberlismus mit Bravour meisterte.

Widersprüche auf den verschiedenen Kommunikationsebenen

Bisweilen können sich die vertretenen Ansichten auf den verschiedenen Ebenen widersprechen. So erläuterte Hayek ausdrücklich, dass er vom Leistungsprinzip als Legitimation des Kapitalismus im Grunde nichts hielt, hätte aber jeder Führungskraft davon abgeraten, dies in seinem Unternehmen kundzutun. Vielmehr sollen Führungskräfte den Glauben an das Leistungsprinzip aufrechterhalten, während sich die neoliberalen Intellektuellen geradezu darüber lustig machen.

Ähnliches gilt für die Einstellung zur Demokratie, zu der die neoliberale Ideologie ein rein instrumentelles Verhältnis pflegt, sogar eine liberale Diktatur im Zweifel bevorzugen würde. In der veröffentlichten Meinung wird jedoch immer so getan als seien Marktwirtschaft und Demokratie untrennbar miteinander verbunden, wäre das eine nicht ohne das andere zu haben. Obwohl dies offensichtlicher Unfug ist, der Glaube daran auch zu bröckeln beginnt, würde man offene Türen einrennen, wenn man es mit einem überzeugten Neoliberalen zu tun hätte. Immerhin birgt die Demokratie Gefahren für die wirtschaftsliberale Grundordnung, gegen die sie in den Jahrzehnten zuvor schließlich gekämpft hatten.

Diese Eskamotierungen der eigentlichen Intentionen des Neoliberalismus bewirken, dass zuweilen der Eindruck entsteht, die Ideologie sei nunmehr in Bedrängnis geraten. Eher würde ich sagen, zeigt sich ihr wahrer im Grunde menschenverachtender Charakter langsam etwas deutlicher auch einem breiteren Publikum. Doch akzeptieren die allermeisten Industrielandbewohner mehrheitlich augenscheinlich die Parteien des Weiter so oder der Reaktion, auch weil Linke vermehrt als Moralapostel in Erscheinung treten und dabei so eine Art progressive Spießigkeit ausstrahlen, was wiederum zu einem neuen Viktorianismus passt.

Ein Gedanke zu „Neoliberalismus oder Auf dem Rückweg in die gute alte viktorianische Zeit II“

  1. Es ist tatsächlich eine sehr bemerkenswerte Eigenschaft des Neoliberalismus seine Ideologie in den Köpfen verankern zu können ohne, dass irgendjemand ein Buch der Theoretiker des Neoliberalismus lesen muss.

    Auf der Gegenseite gibt es das interessanterweise höchstens bei der Anarchie, die eher der direkten Aktion als der Theorie verhaftet ist.

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