Neoliberalismus oder Auf dem Rückweg in die gute alte viktorianische Zeit I:

Die folgenden Beiträge gehen von den Zielen des Neoliberalismus aus, wie sie sich vor allem in den Hauptwerken ihres gesellschaftstheoretischen Vordenkers Friedrich-August von Hayek wiederfinden lassen. Der Titel rührt daher, dass einige Kommentatoren einen neuen Viktorianismus als Kennzeichen der Gegenwart ausgemacht haben, was mit den Zielen der neoliberalen Ideologie zusammenfällt.

Die Entthronung der Politik

Das haarsträubende an der andauernden neoliberalen Ära ist, dass eines der zentralen Ziele des Neoliberalismus, die Politik zu entthronen, mit Volldampf vorangetrieben wird, indem staatliche Einrichtungen nach und nach privatisiert bzw. betriebswirtschaftlichem Kalkül unterworfen werden. Zugleich tritt der Effekt ein, dass die Industriegesellschaften sich wieder zurück in die gesellschaftlichen Verhältnisse des viktorianischen Zeitalters bewegen, was die wirtschaftliche Situation der Mehrheitsbevölkerungen betrifft. Auch diese Entwicklung ist durchaus von den Vordenkern dieser Ideologie als Ziel formuliert worden. Soziale Ungleichheit gilt ihr als notwendige Bedingung für die marktwirtschaftliche kulturelle Evolution überhaupt. Die Wohltaten des nunmehr untergehenden Sozialstaats waren den Ideologen immer schon ein Dorn im Auge, wenn sie auch in reichen Ländern den Hungertod durch Armut für vermeidungswürdig hielten. Für ärmere Länder hingegen sah ein Hayek das nicht so!

Nun ist mit den Verhältnissen des viktorianischen Zeitalters nicht gemeint, dass im Stile eines Freilichtmuseums wieder Droschken durch die Gassen Londons fahren, sondern dass die Reichtumsunterschiede ähnlich polarisiert sind wie damals. Bei einigen Krankheiten und Verletzungen ist ohne Frage selbst ein gesetzlich Versicherter in der Gegenwart besser dran, als ein reicher Bourgeois der guten alten Zeit. Daher sollen sich die Armen mal nicht so anstellen, ist in den Gazetten der Bessergestellten unserer Zeit oft zu lesen.

Die inzwischen weitgehend entthronte Politik nimmt allerdings in der medialen Öffentlichkeit des Bürgertums einen immer noch breiten Raum ein, während die Mehrzahl der Abgehängten sich mit ihren Unterschichtenvergnügungen abgefunden zu haben scheint, der Politik also längst den Rücken gekehrt hat. Die leise Hoffnung, dass nach dem Crash von 2007/8 der Kapitalismus einen ernsten Schaden davontragen würde, hat sich nur ansatzweise erfüllt. Man darf das Wort Kapitalismus ohne Rechtfertigung wieder in den Mund nehmen, kann die obszöne Ungleichheit im Zuge von Occupy und Piketty anprangern, doch damit hat es sich auch schon. Sobald politische Folgerungen aus den wieder erlaubten Kritikpunkten gezogen werden, werden sie von den liberal-konservativen Figuren des politischen Establishments und ihren Pendants in der veröffentlichten Meinung als linksextrem und rückwärtsgewandt bezeichnet.

Um zu erkennen, dass die Neoliberalen in Wahrheit die Reaktionäre sind, reicht eigentlich die Überlegung, dass es schon gute Gründe gab, die Eisenbahn als Teil der öffentlichen Daseinsvorsoge zu begreifen, ohne dass dadurch der bolschwestische Kommunismus über die kapitalistischen Nationen gekommen wäre. Ferner sind die Effekte der Privatisierungen keineswegs durchgehend positiv, wenn man etwa an privatisierte Krankenhäuser denkt. All dies liegt offen auf der Hand und dennoch halten viele Menschen, die es gerade einkommensmäßig noch ins Bürgertum geschafft haben, die Konsequenzen aus diesen kaum bestreitbaren Beobachtungen für „radikal”. Zweifelsohne muss man hier von einer überaus erfolgreichen PR sprechen, die die Alternativlosigkeit zementiert.

Ein Gedanke zu „Neoliberalismus oder Auf dem Rückweg in die gute alte viktorianische Zeit I:“

  1. Ich bin nicht sicher ob daran jemals etwas anders war und ob der Viktorianismus neu ist. Es kommt wohl darauf an wo man lebt. Wenn man in Bangladesh als Näherin arbeitet, dann ist man der Näherin im Viktorianischen London sehr nahe.

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