Neues Wort gelernt: Linkstribun

In einer dlf-Radiosendung über die anstehenden französischen Präsidentschaftswahlen, wurden die vier derzeit aussichtsreichsten Kandidaten vorgestellt namentlich Marine Le Pen, Emmanuel Macron, Francois Fillon und Jean-Luc Mélenchon. Zu diesem Zweck wurde ein in Frankreich lebender österreichischer Journalist interviewt, der Le Pen und Mélenchon vorn sah, wobei er letzteren als Linkstribun titulierte. Mir ist bekannt, dass in Österreich teilweise ein anderes Vokabular benutzt wird als bei uns Piefkes, dennoch scheint es sich um eine Wortschöpfung des besagten Journalisten zu handeln. Diese soll wohl ausdrücken, dass es sich bei Mélenchon um einen Linksradikalen handele, der potentiell gefährlich werden könnte. Für wen oder was der linkssozialdemokratische Kandidat eine Gefahr darstellt, kommt freilich nicht zum Ausdruck.

Augenscheinlich greift hier derselbe Mechanismus der veröffentlichten Meinung wie bei Bernie Sanders in den USA, Jeremy Corbyn im Vereinigten Königreich etc., die traditionelle linke Sozialdemokratie wird als Linksradikalismus bezeichnet. Damit wird das Feld des politisch Denkbaren in der Journaille sozusagen reduziert auf kulturell linken Neoliberalismus und kulturell konservativen Neoliberalismus. Wer sich für Politik nur am Rande interessiert, wie wohl die überwältigende Mehrheit des Publikums der gegenwärtigen Soapopera-Demokratien, wird Angst bekommen vor der ach so gefährlichen Radikalität der linken Spinner. Wo kämen wir denn dahin, wenn nicht einfach so kurz vor den Wahlen z.B. die Autobahnen faktisch privatisiert werden könnten, wenn so ein Linksradikaler wie Mélenchon das Sagen hätte?

Da die veröffentlichte Meinung der großen Medienkonzernne, so viel Geld wie möglich mit ihren Produkten einnehmen möchte, dürfen große Werbekunden selbstverständlich nicht vergrault werden, wodurch sich die verzerrte Wahrnehmung der Journaille recht gut erklären lässt. Dennoch mutet es seltsam an, wenn sich dieselben Leute wundern, dass die von ihnen bewirkte Einengung des politischen Diskurses auf das „Weiter so” immer mehr Menschen in Europa nach rechts driften lässt. In Frankreich führte dieses Spiel schon einmal dazu, dass die linke Wählerschaft den konservativen Präsidentschaftskandidaten Chirac ihre Stimmen gab, um Le Pen senior zu verhindern. Sollte tatsächlich Mélenchon gegen Marine Le Pen antreten, darf man gespannt sein, wie sich die veröffentlichte Meinung hierzulande dazu äußern würde. Weder der Linkstribun noch die Rechtspopulistin sind schließlich auf der Favoritenliste der Werbekunden.

Nach den Erfahrungen mit Syriza in Griechenland und anderswo kann man kaum Erwartungen an einen eventuellen linken Präsidenten der Grande Nation hegen. Vermutlich wird auch er dazu gezwungen werden bzw. sich dazu gezwungen sehen, Kurs zu halten wie einst Mitterand in den 1980ern. Insofern kann man dem Begriff des Linkstribuns auch etwas abgewinnen, wenn damit die Ahnung gemeint sein sollte, dass eine Präsidentschaft allein nicht viel bewirken kann. Doch bin ich mir sicher, dass er in dem Interview nicht so gemeint war.

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