Kapitalismus als Massenkonsumphänomen?

Da die Arbeitswerttheorie ihre Schwierigkeiten hat, wollte man sie überprüfen bzw. mit ihr quantitative Voraussagen über die Zukunft der kapitalistischen Ökonomie machen, ist es schon eigentümlich, dass viele von Marx inspirierte Gelehrte an ihr festhalten. Gleichwohl dürfte sich die Zahl derjenigen, die an die historische Notwendigkeit der proletarischen Weltrevolution glauben, seit den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts deutlich verringert haben. Keineswegs erwiesen sich die Arbeiter allesamt als emanzipatorische gesellschaftliche Kraft. Genausowenig lässt sich die abstrakte gesellschaftlich notwendige Arbeitszeiteinheit als Grundbaustein der kapitalistischen Wirtschaft ermitteln, womit darauf aufgebaute Zusammenbruchstheorien stark spekulativen Charakter annehmen.

Aus Sicht eines einzelnen Unternehmens kann die Zahl der eigenen Lohnabhängigen nicht niedrig genug sein, bedeuten mehr Beschäftigte doch mehr Kosten, die man nicht so schnell wieder los wird. Die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik argumentiert genau in diese Richtung, denn nach ihr sind die Hürden für die Einstellung neuer Beschäfigter in den goldenen Nachkriegsjahren zu hoch geworden, so dass sie eine Einstellungsbarriere darstellten. Bieten sich für Unternehmen maschinelle Lösungen zur Bearbeitung des Auftragsvolumens an, werden sie über kurz oder lang dennoch darauf zurückgreifen, werden Maschinen doch nicht krank, wollen keine Gehaltserhöhung sondern bloß ab und an gewartet werden usw. usf.. Die Erfolge, die mit der Verbilligung der Arbeit im Rahmen der Angebotspolitik erzielt wurden, sind aller Voraussicht nach nur vorübergehend. Die bevorstehenden Automatisierungsschübe werden da sogar noch dem ein oder anderen Keynesianer die Augen öffnen, schätze ich.

Da die Massenproduktion dem Kapitalismus einst zum Durchbruch verhalf, sei der Kapitalismus ohne Massenkonsum nicht denkbar, sagen manche vom marxistischen Flügel der Gesellschaftskritik. Aber könnte er nicht mit einer geringeren Zahl an Menschen auskommen, ohne zugrunde zu gehen? Man bräuchte Reservate für die Unbrauchbaren wohl wahr, aber existieren diese Reservate nicht schon jetzt in Form der armen Länder dieses Planeten? Die Frage ist wohl eher, wie der Übergang zu Gesellschaften gelingen kann, in denen gewissermaßen das Dasein im Menschentiergarten die dominierende Lebensweise darstellt, ohne dass gefährliche Aufstände entflammen. Diese Managementaufgabe steht für die Eliten des Kapitals in der nächsten Zeit an.

Nun höre ich schon den beschwichtigenden Einwand, dass sich im Zuge der Globalisierung die Lebensbedingungen von Millionen Menschen vor allem in Südostasien verbessert hätten, man alles nicht derart schwarz sehen dürfe. Doch schon der Blick nach Griechenland reicht hin, um zu sehen, dass diese Verbesserungen nicht von Dauer sein müssen, jederzeit einkassiert werden können, wenn den Gläubigern etwas nicht passt. Bislang gelingt die Durchsetzung der Gläubigerinteressen dort noch ganz gut. Ob sich aus den aus der Not heraus geborenen Selbsthilfeinstitutionen in Griechenland eine Gegenbewegung entwickeln kann, vermag ich nicht zu beurteilen. Nur scheint mir, dass ohne neue Ideen, wie Arbeit anders aufzuteilen wäre, wie der Zugang zu den wichtigsten Bedarfsgütern anders geregelt werden könnte, kein Abschied vom kapitalistischen Sozialdarwinismus denkbar ist.

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