Das Problem der Individualisierung

An verschiedenen Stellen der Bloglandschaft fand sich in letzter Zeit der Hinweis auf die Individualisierung bzw. Individualismus als Schlüsselbegriff, um zu verstehen, warum von politisch links keine dauerhaft wirksamen Impulse mehr ausgehen, die von jüngeren Menschen mit getragen würden, z.B. hier. Die Arbeiterklasse und ihr Milieu bieten anscheinend keinen Bezugspunkt mehr, womöglich weil dieses Milieu in der Form heute nicht mehr existiert. Mag das Klassenbewusstsein vergangener Tage wirklich hilfreich gewesen sein, um ein politisch handlungsfähiges Kollektiv aufzubauen, sollte man gleichfalls nicht vergessen, dass die Arbeiterbewegung von einst nicht alle Ausgebeuteten umgriff. Man kann zwar analytisch die Klassenzugehörigkeit mit dem Kriterium des Produktionsmittelbesitzes festlegen, doch interessieren sich die Leute möglicherweise heute noch weniger dafür als damals. Jedenfalls bringt es wenig irgendwem ungefragt zu erklären, dass er nach marxistischer Gesellschaftslehre ein Proletarier sei.

Anstatt der Vergangenheit hinterherzutrauern, soll nun der Blick auf die Ambivalenz der Individualisierung gerichtet werden, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu können.

Individualisierung kann heißen,

  • dass ein Mensch seine Potentiale ausschöpft, ohne anderen zu schaden,
  • dass sich Menschen in ihrer jeweiligen Einzigartigkeit anerkennen und schätzen lernen,
  • dass alle erhobenen Hauptes durchs Leben gehen können und Autoritäten nicht blind gehorchen und vieles mehr.

Individualisierung kann aber auch heißen,

  • dass die Leute zunehmend vereinzeln und ungewollte Einsamkeit zum Normalzustand wird,
  • dass sich Gleichgültigkeit gegenüber Gesellschaft und unmittelbaren Mitmenschen verbreitet,
  • dass sich die Individualität der Menschen auf die Auswahl an Produkten reduziert, die ihnen der Markt bietet.

Die gegenwärtige Marktgesellschaft trägt zweifelsohne dazu bei, dass die vereinzelnden Aspekte der Individualisierung in den Vordergrund treten, sich geradezu symbiotisch zueinander verhalten. Der Trend zum individuellen Ausdruck geht dabei sozusagen eine fruchtbare Liaison mit der Bedürfnisweckung der Werbeindustrie ein. So entstehen immer mehr Marktnischen am sichtbarsten wohl im Hobby- und Modebereich, ohne die die Arbeitslosigkeit in den Industrieländern vielleicht schon deutlich höher wäre. Wieviele Arbeitsplätze in Kletter-, Skate- und Skihallen, Surf- und Tauchschulen, auf Golfplätzen und den zugehörigen Läden für die Ausrüstung allein hierzulande zusammenkommen mögen, entzieht sich meiner Kenntnis, wird aber auch selten kritisch hinterfragt.

Ob der sich ständig individuell vermarktende und Individualität auf dem Markt einkaufende Mensch seinen Individualismus tatsächlich genießen kann oder vielmehr den individuellen Ausdruck als Ersatz für ein gelingendes Leben braucht, wäre ein möglicher Ausgangspunkt, um gewissermaßen einen linken Individualismus (wieder?) zu entwerfen. Der gekauften Individualität des gegenwärtigen Kapitalismus haftet quasi der strukturelle Zwang des Marktes zur Prostitution an, muss das Gekaufte doch irgendwie zur Schau gestellt werden. In sich ruhende Individualisten kann der Markt wohl nur als Randerscheinung gebrauchen. Soll der Kapitalismus überwunden werden, sollte die Entfaltung der Individuen ein Ziel sein, dass sich nicht bloß auf eine kleine Elite beschränkt. Wer keine Lust hat Spleens zu kultivieren, sollte indes auch nicht dazu gezwungen werden, eine Marke werden zu müssen…

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