Über die Wirksamkeit des Protests

In einer eher verdrießlichen Gesamtsituation, was jeglichen Gedanken an eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung anbelangt, trottet die von Preissignalen und Bereicherungserfahrungen gesteuerte Marktgesellschaft ohne Ziel weiter. Ein paar sich links verortende Leute organisieren gewissermaßen ihre Klassentreffen mit Demo rund um politische Ereignisse wie den G20 Gipfel im Juli in Hamburg, ohne dass erkennbar wäre, was außer dem Slogan, dass eine andere Welt möglich wäre, dabei noch transportiert werden könnte. Wer hinfährt, kann sich vergewissern, nicht völlig allein zu sein mit seinen Ansichten. Fraglich bleibt aber, ob solche Art Protest mehr sein kann als bloßer Selbstzweck für ein paar unentwegte Linksautonome.

Der Aufwand für ein Klassentreffen dieser Art ist indes beträchtlich, der Effekt auf die übrige Gesellschaft dürfte jenseits des statistisch messbaren liegen. Je nach dem, wie viele Sachbeschädigungen zu verzeichnen sind, schießt sich die linke Szene damit womöglich bloß ein Eigentor. Wenn das Ziel andererseits sein sollte, seine besonders kritische und mutige Aktionsbereitschaft innerhalb des eigenen politischen Umfeldes herauszustellen, dann mag sich auf die Schulter klopfen lassen, wer auf diese Art von Hobby abfährt. Nur erzähle man nicht, man unterscheide sich großartig von Extremsportlern, die sich ihren Kick beim Base-Jump oder sonstigen Vergnügungen holen.

Man könnte gemeinerweise auch von Protestfolklore sprechen, die die jeweiligen Gipfeltreffen der etablierten Politik begleitet, die ohne diese noch langweiliger wären als ohnehin schon. Die Polit-Aktivistinnen befinden sich somit in einer ähnlichen Situation wie Fussballfans, denen zwar einerseits das Geld für den Stadionbesuch aus der Tasche gezogen wird, deren Anwesenheit als Stimmungsmacher erwünscht ist, solange sie nicht über die Stränge schlagen. Die einen Folgen dem Spielplan einer Fussballiga, die anderen den Terminen, die die politisch Mächtigen ihnen vorgeben. Auch für die Fussballfans werden gewisse Auswärtsfahrten den Charakter eines Klassentreffens haben. Aber genug gefrotzelt.

Wenn der Slogan „Eine andere Welt ist möglich!” in wünschenswerter Hinsicht – schlimmer geht schließlich immer – Gestalt annehmen sollte, dann werden Entglasungen und brennende Streifenwagen auf absehbare Zeit nichts bewirken außer Wirtschaftswachstum. Möchte man aber möglichst ohne Einsatz von Gewalt Ziele erreichen, ist eine große Anzahl von Menschen unabdingbar. Von der Mobilisierung großer Menschenmengen sind wir in Deutschland so weit entfernt, dass der Zeithorizont für echte Veränderung sehr weit sein muss. Im Vergleich zur Bevölkerungszahl große Menschenmengen gingen in Europa zuletzt wohl in Griechenland gegen die Austeritätspolitik auf die Straße, der Protest aber blieb folgenlos, die Austeritätspolitik wurde trotzdem durchgesetzt. Wenn wirkliche Massenproteste wirkungslos verpuffen, läge es nahe zu überlegen, wie die Energie dieser Proteste sich für gemeinwohlorientierte Ziele nutzen ließe.

Kleine radikale Grüppchen, die die Besetzung irgendwelcher Bergbauprojekte, Kraftwerke o.ä. organisieren, mögen kurzfristige mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen, was aber daraus folgen soll, außer dass Teile der Organisationsteams sich später bei Investmentbanken bewerben können, ist nicht so klar ersichtlich. Soll jetzt auf elektrische Energie verzichtet werden? Das erscheint mir ad hoc erst einmal schwierig umsetzbar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.