Alltägliches und marxianisches zu Geld und Wert

Bemühte man sich Wortfelder zu Geld oder Wert zu erstellen, wäre es sehr wahrscheinlich, dass beide Begriffe darin jeweils auftauchten. Fragt man wieviel etwas wert ist, will man oft einen Preis genannt bekommen. Inflation wird meist so beschrieben, dass das Geld seinen Wert verlöre. Man redet von Vermögenswerten, geldwerten Leistungen etc.. Marxens Rede vom Gebrauchs- und Tauschwert der Waren ist daher intuitiv verständlich, ohne dass man sich das daraus entspinnende dialektische Begriffssytem kennen müsste bzw. vollumfänglich akzeptieren müsste. Oft geht es mir so, dass ich die Analysen an Marx geschulter Leute zu weiten Teilen plausibel finde, dafür aber nicht mehr oder weniger ausdrücklich die (Arbeits-)Wertlehre verteidigen würde.

Inwieweit es z.B. hilfreich ist mit Nicht-Wert die Situation zu bezeichnen, in der der Warenverkauf misslingt, was David Harvey in einem Vortrag zuletzt betonte, außer um dem Produktionsfetisch mancher Marxisten etwas entgegenzuhalten, weiß ich nicht recht. Die Überlegung, dass die Unternehmen bestrebt sind, Bedürfnisse zu schaffen, lässt sich auch aus einem BWL-Lehrbuch entnehmen unter den Stichworten Marketing oder Absatzwirtschaft. Für Freunde der Dialektik ist vielleicht von Belang, dass eine – wenig beachtete – widersprüchliche Einheit von Wert und Nicht-Wert sozusagen als Denkfigur der kapitalistischen Totalität bei Marx zu finden ist. An den Schwierigkeiten der Arbeitswertlehre kommt man damit dennoch nicht vorbei, wenn die Idee der letztlich Fragment gebliebenen drei Bände von Marxens Kapital eine Theorie des alltäglichen Lebens im Kapitalismus sein soll, wie Harvey im verlinkten Vortrag ebenfalls unterstrich, dann muss es eine brauchbare Theorie der Preise geben. Preise spielen schließlich eine zentrale Rolle in der alltäglichen ökonomischen Praxis.

Trotzdem ist der Hinweis wichtig, dass eine Menge Produkte produziert werden, die niemand kauft. Eine gewisse mediale Aufmerksamkeit erfährt in der Beziehung der Lebensmittelsektor, wenn einmal mehr berichtet wid, wieviele Tonnen im Jahr verschwendet werden. Mit der angeblichen Allokationseffizienz, knappe Ressourcen zu maximalem Effekt einzusetzen, der Marktwirtschaft insgesamt kann es darum nicht weit her sein.

Dass die materielle Produktion nicht irgendwie die mittels der abstrakten Arbeit geschaffene gesellschaftliche Wertsubstanz des Geldes bilden könnte, ist für viele Marx-Anhänger unvorstellbar, ohne dass sie dieses „Irgendwie” näher benennen könnten. Dies fiel mir zuletzt an einem Text Jean-Marie Haribeys von der Uni Bordeaux auf. Attraktiv an der Arbeitswertlehre wäre natürlich, dass man eine Basiseinheit abstrakter notwendiger gesellschaftlicher Arbeit hätte, mit deren Hilfe die Preisbewegungen an der Oberfläche erklärt werden könnten. Preise und ihre Veränderung müssten funktional von dieser Basiseinheit abhängen. Bisher scheint es aber noch niemandem gelungen zu sein, diese Funktion anzugeben.

Verlässt man den Rahmen der Arbeitswertlehre, braucht man sich nicht mehr zu fragen, ob nicht längst die Profitraten so niedrig sein müssten, dass das System hätte zusammenbrechen müssen, weil geringerer Einsatz von Arbeitskräften bzw. variablem Kapital nicht zwangsläufig einen Fall der Gewinne implizieren muss. Man kann daher nach den Beharrungskräften fragen, die die Menschheit an dieses System ketten. Spontan fallen mir zwei wichtige Gründe ein:
1.) Geld löst auf individueller Ebene so gut wie alle Probleme zumindest dem Anschein nach.

2.) Alle können nach getaner Arbeit allen anderen den Buckel herunterrutschen, was zu einer Vereinzelung führt, die vielleicht auch nicht gar so sehr gewünscht ist, als sie sich aus den Verhältnissen ergeben hat, womit kein Plädoyer für sozialistische Zwangsbeglückung gehalten werden soll.

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