Das System funktioniert nicht mehr – aber die Ideologie schon

Letztens lief über den Ticker, dass ein Umfrageinstitut in einer internationalen Befragung feststellte, dass die Mehrheit der Bevölkerungen des globalen Nordens, oder wie immer man das nennen will, dem System nicht mehr traut. Im Untertitel meint Rötzer – möglicherweise ironisch, dass wir aufgrund der Ergebnisse der Umfrage in vorrevolutionären Zeiten leben würden.

Trotz leichter Einbußen trauen die Leute den Unternehmen eher als Politik und Journaille, obwohl letztere meist zu den Unternehmen zu zählen ist. Die Auflösung der parlamentarischen Politik in betriebswirtschaftliche Logik bringt eine Situation hervor, in der die Leute scheinbar eine Sehnsucht nach Figuren bekommen, die auf den Tisch hauen und sagen, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Dem diffusen Unbehagen braucht man bloß mit ebenso diffusen Äußerungen zu begegnen, und schon kann man auf der politischen Bühne der Zuschauerdemokratie eine ganze Menge Menschen gewinnen.

Die Umfrage spiegelt somit in gewisser Weise den Sieg der neoliberalen Ideologie wider, die die seltsame Eigenschaft besitzt eher lähmend statt begeisternd zu wirken. Wurde einst der Vorwurf gegen den Marxismus laut, seine glühendsten Verfechter hätten in seinem Namen Menschen in unerschütterlicher Überzeugung von der Sache geopfert, weil sie an eine bessere Zukunft glaubten, verbietet der Neoliberalismus jeden Gedanken an eine bessere Zukunft für alle, verteidigt nur die Freiheit des Unternehmertums. Die Menschenopfer des Neoliberalismus sind indirekt vermittelt über den Markt, keiner Partei, keinem Staat und keinem Individuum zurechenbar sondern Natur. In der Tat scheinen sich die Opfer des Neoliberalismus oft selbst zu bezichtigen, der Gedanke an einen Fehler im ökonomischen System liegt diesen fern.

Die tief verinnerlichte marktwirtschaftliche Lebenspraxis zementiert den Glauben an das gegenwärtige Wirtschaftssystem, lässt die wirtschaftlich Erfolgreichen als Helden erstrahlen, was sicher seinen Teil zu Donald Trumps Wahlsieg beitrug. Dass das Wirtschaftssystem selbst einige sehr problematische Seiten wie den Wachstumszwang aufweisen könnte, kommt kaum in Betracht, obwohl viele gerade die ökonomischen Zukunftsaussichten umtreiben dürften. Die neoliberale Lösung läuft altbekannt darauf hinaus, mehr Marktwirtschaft zu fordern. Für die etablierte politische Klasse könnte sich die Beschränkung auf negative Freiheit der herrschenden Ideologie als fatal erweisen, eine progressive, linke Politik kann sich daher nicht allein auf Ausweitung negativer Freiheiten für Minderheiten beschränken.

Auch mit der Rückkehr in das Goldene Zeitalter, das die Keynesianer so gern beschwören, wird es schwierig, weil ein fiskalischer Impuls bei dem erreichten Stand der Produktivkräfte gar nicht mehr so viele Menschen in Lohn und Brot brächte wie einstmals. Vor allem aber fehlt der Gedanke, was das Ziel der Produktivkraftentwicklung sein sollte. Es kann sich doch nicht in immer mehr technischen Gadgets erschöpfen, die nun wirklich niemand mehr braucht. Für solche Fragen ist den gesalbten Makroökonomen der Markt womöglich dann doch zu heilig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.