Ernüchterndes über Nuit debout

Die spärliche Berichterstattung über die jüngste Platzbesetzungsbewegung Nuit debout in Europa, deren Schauplatz Frankreich war, hatte mich zu der Fehleinschätzung verleitet, dass sich Nuit debout mit den Gewerkschaften zusammen gegen Hartz-IV à la française verbünden würde. Leider stimmten die Voraussagen derjenigen, dass sich die Bewegung mit Beginn der frz. Sommerferien verlaufen würde.

Ein Philosophieprofessor namens Patrice Maniglier brachte jüngst in einem längeren Essay seine Erfahrungen auf der Place de la République zum Ausdruck, der bei Les Temps Modernes erschien, wovon aber immerhin ein paar Auszüge frei verfügbar sind. Sein Resümee fällt leider ernüchternd aus. Gerade die Anknüpfung an den Kampf gegen die neuen Arbeitsgesetze gelang nicht, obwohl die Kommission „Convergences des luttes” (zu deutsch in etwa: Zusammenlaufen/Konvergenz der Kämpfe) nach einer Demonstration Mitte April einige Köpfe der Gewerkschaften nach einigem Hin und Her einladen durfte.

Maniglier war bei der Demokratiekommission als Schnittstelle zu den anderen Kommissionen tätig, half aber auch mit die Infrastruktur aufrechtzuerhalten etc.. Teile seiner Kommission hatten wohl Statuten für die Versammlungen von bis zu vierzehn Seiten verfasst, die aber nicht für alle Beteiligten verfügbar waren, was sich schon als Hemmschuh erwies, weil die besagten Teile der Ansicht waren, dass alle sie gelesen haben sollten, obgleich sie nicht einmal im Internet allen zugänglich gemacht wurden. Die Arbeit der Demokratiekommission strangulierte sich damit quasi in einer Art Hyperformalismus mit organisatorischen Mängeln.

Zwar kam wohl der ein oder andere Vorschlag durch, der irgendwie aus der aus Passanten, den Kommissionen und regelmäßiger Teilnehmenden bestehenden Platzbesetzung einen demokratisch-politischen Sinn geben konnte, indem man sich darauf verständigte, nur punktuelle Deklarationen ohne verbindlichen Charakter auszusprechen. Am Ende blieb es wohl aber eher eine Trockenübung von demokratischer Redezeitzuweisung, ohne dass miteinander diskutiert wurde.

Obschon nichts gegen eine möglichst demokratische bzw. horizontale Weise politischer Willensbildung einzuwenden ist, hilft diese Formalität ohne einen transportierbaren konkreten politischen Inhalt nicht viel weiter. Da ich mich nur aus der Ferne über die Bewegung informieren konnte, sprang mir vor allem die Kommission „Convergences des luttes” im Angesicht der modischen linken Kulturkampfthemen ins Auge. Zwar waren diese Modethemen durchaus präsent, wenn man sich die Programmpunkte ansah, doch hegte ich die Hoffnung, dass Nuit debout es irgendwie schaffen könnte, jene Konvergenz der Kämpfe hinzubekommen. Es ist nur ein schwacher Trost, dass zumindest einige Leute von Nuit debout die Notwendigkeit erkannten, dass die linken Modethemen und -theorien der letzten Zeit in eine Sackgasse führen. Eine gut laufende Versammlung mag einen Eindruck vermitteln, wie Demokratie jenseits des Parlamentarismus aussehen könnte etc.. Man kommt aber ohne Inhalte nicht weiter, die eben für breite Bevölkerungsgruppen attraktiv sein müssen.

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